Bernhard
Hassenstein
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Aus: Zool. Jb. Physiol. 87 (1983), 181-187
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Funktionsschaltbilder als Hilfsmittel zur Darstellung
theoretischer Konzepte in der Verhaltensbiologie1)
Bernhard Hassenstein
Verhaltensbiologen unterscheiden begrifflich zwischen fundamentalen Verhaltenskategorien wie angeborenem,
erlerntem und einsichtigem Verhalten ohne die Kenntnis der zugrunde liegenden physiologischen Vorgänge
im Innern der Organismen. Das gleiche gilt — im Rahmen der genannten großen Kategorien —
für speziellere Verhaltensweisen wie Appetenz- und Übersprungverhalten, bedingter Reflex und
Prägung, Nachahmen und motorisches Lernen.
Die wissenschaftlichen Begriffe der Verhaltensbiologie gründen sich demgemäß nicht auf
bekannte physiologische Prozesse, die man als ihre Ursachen angeben könnte, sondern in der Regel
auf beobachtete regelhafte Beziehungen zwischen Verhaltensweisen und deren auslösenden Reizbedingungen.
Beispielsweise spricht man von einem bedingten Reflex, wenn ein Reflex (= zuverlässig durch Sinnesreize
auslösbare Reaktion) folgende Vorgeschichte hatte: Die Auslöse-Fähigkeit des (ursprünglich
unwirksamen) Reizes entstand erst dadurch, daß er ein- oder mehrmals in einem bestimmten zeitlichen
Zusammenhang ("Kontiguität") mit einem anderen, nämlich dem diesen Reflex primär auslösenden
Reiz, aufgetreten und von dem Tier wahrgenommen worden war.
Funktionelle Zusammenhänge wie der des bedingten Reflexes lassen sich auf verschiedene Weise wiedergeben,
z. B. mit beschreibenden Worten ("verbal"), oder mit Hilfe von formal-logischen Zeichen, gegebenenfalls auch
mit mathematischen Formeln. Ein weiteres Darstellungsmittel — Thema dieses Aufsatzes — ist das
Funktionsschaltbild.
Abb. 1
Die wichtigsten graphischen Symbole für biologische Funktionsschaltbilder.
Bemerkung 1. Wenn ein bestimmter Signalstrom die Verzweigungsstelle erreicht, so fließt
ein gleich großer (nicht etwa nur halb so großer) Signalstrom auf jeder der beiden
Bahnen weiter.
Bemerkung 2. Nur wenn gleichzeitig Signale eintreffen, wird ein Signal abgesandt.
Bemerkung 3. Ein von links schräg oben eintreffendes Signal führt zur Entstehung einer
signalleitenden Verbindung zwischen der waagerecht und der senkrecht gezeichneten Bahn.
Das biologische Funktionsschaltbild ist vom Blockschaltbild darin unterschieden, daß es Zeichen
für "Rezeptor", "Effektor-Organ", "bedingte Verknüpfung" usw. enthält, während man
in ein Blockschaltbild, das eine höhere Abstraktionsstufe darstellt, nur solche Instanzen einzeichnet,
in denen mathematische Transformationen stattfinden. Ein weiterer Unterschied liegt in der Bedeutung der
Verbindungslinien zwischen den Schaltbildelementen: Im Blockschaltbild sind sie Symbole dafür,
daß die Ausgangsdaten einer Instanz in jeder Hinsicht (auch zeitlich) identisch mit den Eingangsdaten
der mit ihr durch die Linie verbundenen Instanz sind. Im biologischen Funktionsschaltbild repräsentieren
die Verbindungslinien dagegen signalübertragende Bahnen ("Kanäle"), auf welchen sich (wie z. B.
auf Nervenbahnen) nur positive Signale mit meßbarer Geschwindigkeit fortpflanzen. Dem biologischen
Funktionsschaltbild entspricht damit in der Technik eher der "gerätetechnische Schaltplan" eines
elektronischen Gerätes mit Symbolen für die gebräuchlichen nachrichtentechnischen Elemente
wie Widerstand, Transistor usw. Dafür sind im biologischen Funktionsschaltbild — wie schon
angedeutet — biologische Gegebenheiten wie Sinneselemente, Nervenbahnen und Effektoren (Muskeln,
Drüsen) dargestellt. In der obigen Abbildung sind wichtige graphische Zeichen, die sich bei der
Wiedergabe von verhaltensbiologischen Konzepten als erforderlich erweisen, übersichtlich
zusammengestellt (Abb. 1).
Abb. 2
Veranschaulichendes Schema: Die Begriffe "Trieb", "Motivation" und "Handlungsbereitschaft" sind auf
funktioneller Ebene gleichbedeutend. (Aus BECKER-CARUS et al. 1972).
Abb. 3
Funktionsschaltbild für den in Abb. 2 angedeuteten Zusammenhang. (Aus HASSENSTEIN 1980).
Funktionsschaltbilder haben mehrere Vorteile im Vergleich zur verbalen Darstellung verhaltensbiologischer theoretischer Konzepte. Drei dieser Vorteile seien im folgenden zunächst allgemein formuliert und dann jeweils an einem Beispiel veranschaulicht:
1. Funktionsschaltbilder lassen sich leichter als verbale Erörterungen auf innere Widerspruchslosigkeit
überprüfen. Läßt sich ein in Worten beschriebener Funktionszusammenhang in kein
Funktionsschaltbild übersetzen, so ist der Verdacht begründet, daß das Wirkungsgefüge
noch nicht wirklich verstanden ist. Die theoretische Untersuchung funktioneller Konzepte auf der Ebene der
Funktionsschaltbilder kann zu Einsichten führen, die auf anderem Wege nicht zu erreichen sind.
Ein Beispiel hierfür liefert die Desinhibitionstheorie des Übersprungverhaltens (begründet
durch VAN IERSEL und BOL, 1965): Sofern Übersprungverhalten auf einem Triebkonflikt beruht, sollten die
beiden in Konflikt stehenden Verhaltenstendenzen nicht nur jeweils die andere Verhaltenstendenz blockieren,
sondern damit zugleich auch deren Hemmwirkungen auf dritte Verhaltenstendenzen schwächen; dies wäre
dann der Grund dafür, daß sich daraufhin eine von diesen weiteren Verhaltenstendenzen —
nämlich die von sich aus am stärksten aktivierte (meist Putzdrang) — als "Übersprunghandlung"
im Verhalten ausdrückt. Diese Art des Übersprungverhaltens wäre damit "autochthon".
Diese verbale Formulierung einer Desinhibitionstheorie des Übersprungverhaltens klingt einleuchtend und
gehört seit ihrer Veröffentlichung zum festen Bestand der theoretischen Konzepte der vergleichenden
Verhaltensforschung. Versucht man diesen Denkansatz jedoch in ein Funktionsschaltbild zu übersetzen und
dieses quantitativ durchzurechnen, so stellt man fest: Keiner der bisher bekannt gewordenen Mechanismen
wechselseitiger Hemmung (laterale Inhibition) zeigt die geforderte Desinhibition als Konsequenz der gleich
starken Erregung zweier signalführender Parallelbahnen. Die Überlegung auf der Ebene des
Funktionsschaltbildes offenbart damit für das theoretische Konzept der Desinhibitionstheorie des
Übersprungverhaltens, daß in ihr noch ein Widerspruch steckt, der zu seiner Aufklärung
weiterer experimenteller und theoretischer Arbeit bedarf.
2. Funktionsschaltbilder sind frei von Begleitvorstellungen, wie sie Worten und Begriffen, die aus der
Umgangssprache oder aus bestimmten Theoriengebäuden stammen, unbewußt anhaften können.
Als Beispiel hierfür diene eine Anzahl von umgangssprachlichen Begriffen ähnlichen Inhalts,
aber unterschiedlicher Akzentsetzung, über deren Bedeutung als wissenschaftliche Begriffe viel
diskutiert wurde: Reaktionsbereitschaft, Antrieb, Motivation, Drang und Stimmung. Vergegenwärtigt
man sich die funktionelle Rolle aller dieser Parameter der Verhaltenssteuerung und entwirft man hierzu
das entsprechende Funktionsschaltbild (Abb. 2 und 3), so ergibt sich: Die Bedeutung aller genannter Begriffe
ist auf funktioneller Ebene dieselbe. Ein neutraler Ausdruck, der dem gerecht wird, heißt: "innere Bedingungen". Gemeint sind die im Innern des Organismus liegenden funktionellen Bedingungen für den Ablauf eines Verhaltens. Sie wirken nach dem Prinzip der doppelten Quantifizierung mit den "äußeren Bedingungen", den auslösenden
(und steuernden) Reizen, zusammen. Die "inneren Bedingungen" für ein Verhallen sind funktionell die
Summe der Einflüsse beispielsweise
-
des Spiegels bestimmter Hormone (z. B. Sexualhormone),
-
des Versorgungszustands (z. B. Nahrungsdefizit),
-
der Aktivitätsphase im Rahmen endogener Rhythmen,
-
der Entwicklungsphase (juvenil, adult),
-
etwaiger vorangegangener Reize oder
-
Verhaltensweisen usw.
Der biologische Funktionswert "innere Bedingungen" ist übrigens zusätzlich auch für den
Ablauf spontanen Verhaltens maßgeblich, z. B. den Beginn von Appetenzverhalten: Suche nach
Geschlechtspartnern oder Nahrung.
Die Projektion des funktionellen Inhalts der Begriffe Reaktionsbereitschaft, Antrieb usw. auf die Ebene des
Funktionsschaltbildes offenbart also, daß es sinnlos ist, auf funktioneller Ebene nach Bedeutungsunterschieden
zwischen diesen Ausdrücken zu suchen. Die Verschiedenheit der Worte täuscht lediglich vor, daß
ihr eine entsprechende Vielfalt auf funktioneller Ebene korrespondieren müßte. Das Mittel der Wahl,
um hier Sachfragen von Benennungsfragen zu unterscheiden, ist die Anwendung des Funktionsschaltbildes.
3. Ein Funktionsschaltbild stellt nicht nur ein theoretisches Konzept dar, sondern es bildet mitunter eine
Arbeitshypothese hinsichtlich des im Sinnes-Nerven-Effektoren-Systems verwirklichten Netzes von
informationsübertragenden Bahnen und datenverarbeitenden Instanzen. Darin leistet es mehr als mechanische
Modelle. Dies sei exemplifiziert am Beispiel des sogenannten Lorenzschen Triebmodells (Abb. 4).
Abb. 4
Das "Lorenzsche Triebmodell" von 1950. Beschriftung vervollständigt.
Abb. 5
Funktionsschaltbild für einen Teil des in Abb. 4 modellmäßig dargestellten Funktionszusammenhangs.
Diese Modellvorstellung (das Modell ist meines Wissens nie gebaut worden) veranschaulicht das Nebeneinander von
4 funktionellen Eigenschaften, die für viele Bereiche des instinktiven Verhaltens typisch sind:
-
Die Reaktionsstärke ist eine Funktion sowohl des Aktivierungsgrades der inneren Bedingungen als auch
der Reizintensität: Prinzip der doppelten Quantifizierung. Überstarke Aktivierung führt
zur Reaktion auch ohne Außenreiz.
-
Spontanes Ansteigen des Aktivierungsgrades der inneren Bedingungen.
-
Reduktion des Aktivierungsgrades der inneren Bedingungen durch den Ablauf des ausgelösten Verhaltens.
-
Unterschiedliche Auslöseschwellen verschiedener, zum gleichen Funktionszusammenhang gehöriger Funktionen.
Die Bedeutung dieser zu Unrecht als "psychohydraulisches Modell" bespöttelten Modellvorstellung lag in
der zeitbedingten Notwendigkeit, anschaulich und unwiderleglich aufzuzeigen, daß die Hypothese von der
Wirksamkeit der vorstehend genannten 4 Funktionen keine logischen Widersprüche enthält und nicht
gegen das Kausalprinzip verstößt. Allerdings setzt eine Modellvorstellung wie Abb. 4 beim
Gesprächspartner die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, aus der konkret vorgezeigten Konstruktion
das Funktionelle zu abstrahieren und sich nicht an dem Unvergleichbaren zu stoßen, das die Darstellung
enthält. Sonst fehlt natürlich die Basis dafür, sich zur Verständigung solcher anschaulicher
Analogien zu bedienen.
Derartige Schwierigkeiten, die man unter Wissenschaftlern zwar eigentlich nicht erwarten sollte, die aber leider
trotzdem vorkommen, umgeht man von vorne herein durch die Veranschaulichung der zugrunde liegenden Funktionen
mittels eines Funktionsschaltbildes. Dieses ist in Abb. 5 wiedergegeben. Zu ihm sind folgende Bemerkungen zu machen:
-
Die vierte der oben genannten Eigenschaften (Reaktionen mit unterschiedlichen Auslöseschwellen)
ist nicht mit dargestellt.
-
Wie die Kennlinie des Kennliniengliedes im Anschluß an den Rezeptor ausweist, empfängt von
dorther das Koinzidenzglied Signale auch beim Reizeingang null.
Dies ist eine der möglichen Voraussetzungen für das Auftreten von Reaktionen bei
übergroßer Bereitschaft und dem Reiz null.
-
Eine Eigenschaft des Wassers im Modell Abb. 4 besteht darin, daß eine ausfließende Menge
automatisch mit einer Senkung des Wasserspiegels im Gefäß einhergeht. Diese funktionelle
"Rückwirkung" läßt sich auf der Ebene des Funktionsschaltbilds nicht anders als durch
eine Signal-Rückmeldeschleife verwirklichen.
Das Funktionsschaltbild drückt also in diesem Beispiel mehr aus als das gedankliche Funktionsmodell:
Die Verringerung eines funktionellen Potentials ist keine prinzipiell notwendige Folge der Abgabe eines Signals,
sondern muß entweder durch einen physiologischen Prozeß verwirklicht sein, der den hier gezeigten
Eigenschaften des Wassers analog ist, oder durch die Schaltung eines rückwirkenden Signalweges.
Schlußbemerkung
Die Verwendung von Funktionsschaltbildern für theoretische Konzepte der Verhaltensbiologie kann sich in
mannigfacher Hinsicht lohnen: Funktionsschaltbilder lassen sich besser als sprachliche Beschreibungen auf innere
Stimmigkeit prüfen; sie sind eher gefeit gegen unbewußte Begleitassoziationen, die einem Sprachbegriff
anhaften können; und sie kommen der Wirklichkeit näher als Modellvorstellungen auf physikalisch-technischer
Basis. Es ist daher zu begrüßen, daß maßgebende Verhaltensbiologen wie K. LORENZ
(1978, S. 200, 221 usw.) und G. TEMBROCK (1979. S. 19, 24 usw.) dieses methodische Hilfsmittel bereits seit einiger
Zeit anwenden.
Literatur
BECKER-CARUS, C. et al.: Motivation, Handlungsbereitschaft, Trieb.
Z. f. Tierpsych. 30 (1972), 321-326.
HASSENSTEIN, B.: Bedingungen für Lernprozesse — teleonomisch gesehen.
Nova Acta Leopoldina 37/1 (1972), 289-320.
— Instinkt, Lernen. Spielen, Einsicht. Einführung in die Verhaltensbiologie.
München 1980
IERSEL, J. J. A. VAN, and BOL, A. A. C: Preening in two tern species. A study of displacement activities.
Behaviour 13 (1958), 1-88.
LORENZ, K.: The comparative method in studying innate behavior patterns.
Symp. Soc. exp. Biol. 4 (1950). 221-268.
— Vergleichende Verhaltensforschung.
Springer-Verlag. Wien/New York 1978.
TEMBROCK, G.: Grundriß der Verhaltenswissenschaften.
VEB Gustav Fischer Verlag, Jena 1979.
1)
Herrn Prof. Dr. G. TEMBROCK zur Vollendung des 65. Lebensjahres gewidmet.
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