Bernhard
Hassenstein
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Sonderdruck aus:
DIE UMSCHAU IN WISSENSCHAFT UND TECHNIK, Frankfurt a. M.
1964, Heft 8
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Forschungsbeispiele aus der biologischen Kybernetik*
Bernhard Hassenstein**
Gibt es kybernetische Forschungsprobleme in der Biologie? Ist infolgedessen eine experimentelle
biologisch-kybernetische Arbeitsrichtung sinnvoll?
Zunächst ist hierzu festzustellen: 1. Sinnesorgane, Nervenbahnen und Effektoren (Muskeln, Drüsen)
sind vielfach zu Regelkreisen zusammengeschlossen; 2. die Nervenfasern sind "Verstärkerketten" und
damit auf Informationsübertragung spezialisierte Leitungsbahnen; 3. es gibt physiologische Vorgänge
der Informations-Verarbeitung, z. B. im allbekannten Beispiel der binokularen visuellen
Entfernungswahrnehmung nach dem Prinzip der Dreieckspeilung. — Indem wir dies konstatieren,
werfen wir jedoch noch keine Forschungsprobleme auf; wir wenden nur eine neugeschaffene Terminologie
auf Tatbestände an, die bereits im Rahmen der herkömmlichen Physiologie erfolgreich behandelt und in
deren Sprache sachgerecht beschrieben wurden. Zu sinnvollen Forschungsvorhaben würde die Anwendung von
kybernetischer Methodik auf biologische Probleme aber erst führen, wenn in den Organismen "höhere"
kybernetische Prinzipien verwirklicht wären, die nur mit den Mitteln der Regel- und
Informationstheorie und nicht mehr mit Hilfe der bekannten physiologischen Methoden und Begriffe
untersucht und verständlich gemacht werden könnten. Auf echte kybernetische Forschungsprobleme
könnten wir also nur rechnen, wenn man folgende Fragen bejahen dürfte (die Fragen sind auf die
für die Biologie in Frage kommenden drei Teilgebiete der Kybernetik — selbsttätige Regelung,
Informationsübertragung und Informationsverarbeitung — zugeschnitten):
-
Besitzen bestimmte Regelkreise im Organismus funktionell bedeutsame Eigenschaften, die nur mit
kybernetischen und nicht mehr mit herkömmlichen physiologischen Methoden und Begriffen zu
untersuchen und zu beschreiben sind?
-
Sind die bekannten Eigenschaften der Nervenleitung nur mit Hilfe von informationstheoretischen
Gedankengängen vollständig zu verstehen?
-
Gibt es im Organismus Vorgänge, die bestimmte mathematische Operationen durchführen und
hierdurch, nicht durch stoffliche oder energetische Leistungen, ihre Funktion im Organismus erfüllen,
und verlangt die Erforschung dieser Prozesse nicht nur eine gute mathematische Allgemeinbildung, sondern
eine spezielle mathematische Vorbildung und kybernetische Arbeitsmethoden?
Diese drei Fragen sind nur auf Grund von Erfahrungen zu beantworten. Daher werden im folgenden drei
kurze Referate über Untersuchungen an kybernetisch beschreibbaren biologischen Funktionen gegeben,
je eines aus den drei genannten Fachgebieten.
1. Regelungsvorgänge: Pupillenreaktion
Veränderungen des Lichteinfalls lösen bei den meisten Wirbeltieren "Pupillenreaktionen" aus:
Verantwortliche Sinnesorgane sind die Lichtsinneszellen der Netzhaut. Der Weg der Erregung führt
durch den Sehnerven bis über die Kreuzung (Chiasma) hinweg; kurz hinter dieser zweigen die Bahnen
von der eigentlichen Sehbahn ab, und die Meldungen gelangen über das Mittelhirn, an die
Pupillenmuskeln. Verstärkung des Lichts führt zur Verkleinerung der Pupille, Abschwächung
zur Vergrößerung. Zunahme des Lichts wird also vom Organismus damit beantwortet, daß
er den Anteil des aufgenommenen Lichts abnehmen läßt; Abnahme des einfallenden Lichts
beantwortet er durch Vergrößerung des zu empfangenden Lichtflusses.
Er "kompensiert" also — wenn auch mengenmäßig nicht vollständig — die
Änderung von Außeneinflüssen.
Dieser funktionelle Zusammenhang entspricht formal dem Prinzip der selbsttätigen Regelung durch
einen "Regelkreis" (Bild 1): Die konstant zu haltende Größe (z. B. eine Temperatur)
ist durch das dick eingerahmte Rechteck dargestellt. Ihr jeweiliger Zustand ("Istwert") wird durch
ein Meßgerät registriert (oben rechts innerhalb des Rechtecks).
Bild 1
Blockschaltbild eines Regelkreises. Unmittelbare Energiewirkungen sind durch direkten Kontakt
zwischen den Symbolen der beteiligten Instanzen dargestellt, (z. B. Meßwerte- und
Steuerkommando-)Übertragungen durch einfache Linien. Die "Führungsgröße" kommt in der
Besprechung der Pupillenreaktion nicht vor. Ist sie gleich Null, so entspricht der Sollwert eines
Regelkreises dem "Nullpunkt" der Meßeinrichtung, d. h. demjenigen Meßwert, bei dem sie
kein Signal oder das Signal "Null" aussendet. Fließt dagegen ein zusätzliches Signal
(Führungsgröße) additiv in den Übertragungskanal zwischen Fühler und Stellglied hinein,
so ändert sich automatisch der Sollwert des Systems. Man kann sich das klarmachen, indem man
für die verschiedenen Größen Zahlenwerte einsetzt und feststellt, wie das System dank
seiner Schaltung dann reagiert.
Die Meßwerte werden an ein regulierendes Zentrum, den "Regler", übertragen, der auf den
Empfang der Meßwerte mit der Aussendung der Steuersignale für den Korrekturmechanismus
antwortet. Der Regler ist durch ein kleines Quadrat gekennzeichnet, das durch Diagonalen in vier
Abschnitte aufgeteilt ist. Die schwarze Ausfüllung des rechten und das Hellbleiben des linken
Abschnittes bedeuten: Vorzeichen-Umkehr zwischen ein- und ausgehender Meldung. Die abgesendeten
Steuerwirkungen haben also funktionell das umgekehrte Vorzeichen wie die eingehenden Meßwerte.
Infolgedessen werden (nach Bild 1) Abweichungen des Meßwertes vom Nullpunkt des
Meßinstruments automatisch mit Gegenaktionen durch das "Stellglied" beantwortet
("negative Rückwirkung"). Das Stellglied (der Korrekturmechanismus) ist als Pfeil dargestellt,
der in das Rechteck, das die zu regulierende Größe repräsentiert, hineinragt. Durch das
Hineinragen wird versinnbildlicht, daß es sich um unmittelbare Einflüsse handelt,
welche die zu regulierende Größe nach Abweichungen auf ihren "Sollwert" zurückzubringen haben.
Der von rechts her in das Rechteck hineinragende Pfeil vertritt diejenigen Einflüsse, welche von
außen her die Abweichungen verursachen, gegen die dann die Regulation anarbeitet.
Bis hierher bringt die regelkundliche Darstellung (Bild 1), wenn man sie auf die
Pupillenreaktion anwendet, keinen oder keinen wesentlichen Erkenntnisfortschritt mit sich.
Man hat nur neue Begriffe einzusetzen: Regelgröße ist der Lichteinfall ins Auge;
Fühler sind die Sehzellen; die Übertragung der Meßwerte besorgen Nervenbahnen;
der Regler befindet sich im Gehirn; Stellglieder sind die Irismuskeln; und der funktionelle
Zusammenhang entspricht einer negativen Rückwirkung.
Die folgenden, neueren Aussagen [1, 2, 5, 6] aber deuten an, wie die Regelkunde die weitere
Forschung anregte, in dem sie neue Fragen aufwarf und neue Methoden bereitstellte. Das Folgende
wäre demgemäß auch nur gezwungen und unbeholfen in der herkömmlichen physiologischen
Begriffswelt auszudrücken:
Die jeweils von der Netzhaut empfangene Lichtmenge bestimmt den Öffnungsgrad der Pupille,
nicht die Änderungsgeschwindigkeit der Pupillenweite; dies entspricht dem Prinzip des
Proportionalreglers im Unterschied zum Integralregler. Die Pupillenreaktion kompensiert bei
Sprüngen von einer Helligkeit zu einer höheren oder niedrigeren nicht 100%, sondern nur etwa 50%;
der Helligkeitsänderung; der Regelfaktor, gemessen am Verhältnis zwischen der nach
Kompensation verbleibenden und der primären Abweichung, ist demnach 0,5. Die Zeitdauer zwischen
einem Lichtreiz und dem Beginn der Reaktion ist rund 200 msec; diese Totzeit des Reglers
bedingt aus theoretischen Gründen folgendes: Es muß eine Lichtwechselfrequenz geben, bei
welcher jede Verkleinerungsreaktion der Pupille, die auf einen Helligkeitsanstieg erfolgte, jeweils
gerade so lange Zeit nachhinkt, daß auf sie die nächste Abnahme der Helligkeit fällt und
umgekehrt; eine derartige Form der Pupillenreaktion wurde tatsächlich gefunden, als man die in der
Technik entwickelte Methode des Frequenzganges anwandte, das Auge also mit sinusförmig
schwankendem Licht verschiedener Frequenz reizte. Da in diesem künstlichen Spezialfall die Pupille
gerade bei Helligkeit erweitert und bei Dunkelheit verengt ist, muß der ausgleichende Effekt
des Regelkreises hier in sein Gegenteil verkehrt sein. Dies war voraussagegemäß der Fall:
Die Schwankungen der Helligkeit auf der Netzhaut waren nicht wie bei sonstigen Beleuchtungsänderungen
auf die Hälfte herabgesetzt, sondern sie erwiesen sich auf des 7fache gesteigert. Die Frequenz,
bei der dies geschieht, liegt bei der menschlichen Pupille zwischen 1 und 2 Hz. — Diese wenigen
Angaben sollen andeuten, daß sich die heutige Forschung am Pupillenreflex ganz im Fahrwasser
der Regeltechnik befindet — hinsichtlich der experimentellen Methoden, der Begriffswelt und
der theoretischen Deutung.
2. Informationsübertragung: Nervenleitung
Die zur Informationsübertragung höchst spezialisierten Organe des Organismus sind die
markhaltigen Nervenfasern. Man kann sie als "Verstärkerketten" bezeichnen; denn die aktiven
Anteile, die Ranvierschen Schnürringe, speisen aus eigener Stoffwechselenergie elektrische
Ströme, welche über passive Leitungsstrecken, die Internodien, hinweg die benachbarten
Schnürringe zu entsprechender Stromerzeugung veranlassen. So pflanzen sich die Aktionspotentiale
von Schnürring zu Schnürring über die Nervenfaser mit maximal 120 m/sec fort.
Die Art der Signale, die über die Nervenfasern laufen, ist vom Standpunkt des Technikers eine sehr
spezielle unter vielen möglichen: Es werden Impulse von festgelegter zeitlicher Dauer und festgelegter
Amplitude übertragen; auf jeden Impuls folgt eine ebenso festgelegte "Refraktärzeit" (Phase der Unerregbarkeit),
so daß hintereinanderlaufende Impulse einander niemals einholen und daher nicht miteinander verschmelzen
können. Der einzige variable Parameter ist die Frequenz, in der die Impulse auftreten.
Wir wollen nun die Frage stellen: Läßt es sich vom Gesichtspunkt der Informationsübertragung verstehen,
warum gerade diese spezielle Form der Aktionspotentiale und nicht etwa Dauersignale von variierenden zeitlichen
Längen oder variierenden Amplituden verwirklicht sind?
Die günstigsten Abstände zwischen den Verstärkerstationen, die in der Telephonie notwendig sind, liegen
in der Größenordnung von 100 km; die Abstände zwischen den Schnürringen auf den markhaltigen
Nervenfasern betragen bis zu 3 mm. Das Verhältnis zwischen den Bereichen liegt also bei 108:1.
Das scheint kein Zufall zu sein, denn auch die Leitfähigkeiten der elektrisch leitenden Materialien —
einerseits Cu, andererseits im wesentlichen eine Lösung von 0,9% NaCl in Nasser — stehen im Verhältnis
von rund 108:1 zueinander; und in die mathematischen Formeln, die für die Bemessung der Abstände
zwischen Verstärkerstufen maßgebend sind, geht die Leitfähigkeit linear ein. Der Organismus scheint
sich also viel größere Abstände zwischen den Zwischenverstärkern als die genannten grundsätzlich
nicht leisten zu könne., da ihm metallische Leiter nicht zur Verfügung stehen. Daher liegen dann zum
Beispiel zwischen einer Fingerspitze und dem Gehirn des Menschen notwendigerweise rund 800 Verstärkerstufen.
Diese aber bilden infolge ihrer großen Anzahl eine in der Technik unbekannt große Quelle für
zufällige und systematische Amplitudenveränderungen; eine allgemeine nur 1%ige Vergrößerung
des Verstärkungsgrades würde auf einer solchen Strecke ein Signal auf des 3000fache vergrößern
(1,01800 ≅ 3000)! Hier gibt es grundsätzlich nur einen Ausweg: des gesättigte
"Alles-oder-Nichts-Signal", für dessen Übertragung kleine Amplitudenänderungen belanglos sind.
Unter den möglichen Formen von Alles-oder-Nichts-Signalen sind nun kurze Impulse diejenigen,
die den geringsten Energieaufwand erfordern, ohne doch als Informationsträger gegenüber Signalen von
variierender Zeitdauer benachteiligt zu sein. —
Man erfährt hiermit durch eine elementare informationstheoretische Überlegung [4], daß die
Frequenzmodulation genormter Impulse unter den im Organismus gegebenen Bedingungen als die sicherste und
sparsamste Informationsübertragung gelten muß, die möglich ist. Übrigens geht man heute auch in
der Technik vielfach zur Frequenzmodulation normierter Impulse über, wenn man auf eine besonders sichere
Übertragung von Informationen Wert legen muß.
3. Informationsverarbeitung: Zeitliche Mittelung bei der Orientierung von Insekten
Bienen und Ameisen haben eine erstaunliche Fähigkeit bewiesen; sie finden, ohne zu probieren, den
geraden Weg zwischen ihrem Heim und einem Ziel, auch wenn sie dieses zuvor nur auf Umwegen hatten
erreichen können. Dabei verarbeiten die Ameisen, an denen dies näher geprüft wurde [3],
allein die visuelle Erfahrung über Winkel zu fernen Orientierungsmerkmalen (z. B. zur Sonne);
die körperliche ("kinästhetische") Erfahrung über Laufstrecken und Wendungen auf dem Wege spielt
keine Rolle. Nun ergibt sich der Orientierungswinkel (bezogen auf ein fernes Orientierungsmerkmal)
für den geraden Weg zu einem Ziel rechnerisch aus dem Durchschnittswinkel zu diesem Merkmal während
des ungeraden Weges (Bild 3).
Bild 2 (links)
Blockschaltbild für das Funktionssystem, mit Hilfe dessen bestimmte Insekten die gerade Richtung
zu einem Ziel finden, das ursprünglich infolge von Hindernissen nur auf Umwegen erreichbar war.
Der mathematische Ausdruck im Schaltbild soll die Operation der zeitlichen Mittelwertbildung
versinnbildlichen. Die unzusammenhängende Umrandung der verantwortlichen Instanz soll symbolisieren,
daß der während eines Laufes gebildete Mittelwert erst beim nächsten Lauf als Führungsgröße
für die Laufrichtung eintreten kann; bei den untersuchten Ameisen waren sogar mehrere Male notwendig,
um die Führungsgröße von Null her zum endgültigen Wert anwachsen zu lassen [3].
Ohne Führungsgröße bewirkt der Regelkreis, daß das Tier sich auf das Orientierungsmerkmal
zu (oder von ihm fort) bewegt; unbeabsichtigte Richtungsänderungen werden kompensiert
("positive oder negative Topotaxis"). Eine Führungsgröße befähigt das Tier dazu,
Winkel zu Orientierungsmerkmalen einzuhalten ("Menotaxis"). Näheres siehe [3].
Bild 3 (rechts)
Veranschaulichung der Funktion des Regelkreises nach Bild 2.
Die Ameisen Nr. 1 und 2 haben die Tendenz, in Sonnenrichtung zu laufen und haben sich noch
keine Richtung zu einem anderen Ziel eingeprägt; die Führungsgröße ist also gleich Null,
und die Stellgröße ist somit auch Null. Ameise 1 läuft darum geradeaus weiter.
— Ameise 2 ist durch ein mechanisches Hindernis aus der Laufrichtung zur Sonne abgelenkt
worden. Die Augen melden daher einen Winkel α; der Regler macht daraus das Kommando
(Stellgröße) "minus α". Das Tier wendet sich daher nach Passieren des Hindernisses
solange in der Gegenrichtung zu α, bis wieder die Sonnenrichtung erreicht ist und der Winkel
"Null" gemeldet wird.
— Die Ameisen 3 bis 5 haben jedoch eine andere Laufrichtung erlernt, d. h. ihr
Zentralnervensystem hat durch Lernen eine Führungsgröße aufgebaut. Ameise 3 läuft
in der erlernten Richtung. Ihre Augen melden den Winkel φ. Die Führungsgröße,
welche der durch φ gegebenen Richtung entspricht, ist nun genauso groß wie die Meldung
"Winkelφ" der Augen. Folglich ergibt sich wegen der Addition der Führungsgröße zum
negativen Wert der Meldung der Augen hier die Stellgröße Null; die Ameise macht also keine
Wendung, sondern verfolgt weiter die erlernte Richtung.
— Ameisen 4 und 5 sind von der erlernten Laufrichtung abgelenkt worden, und zwar nach
verschiedenen Seiten um die Winkel +β bzw. -β' ("links" ist willkürlich mit "plus",
"rechts" folglich mit "minus" gleichgesetzt). Durch Kombinieren des für die Ameisen 2 und 3
Erklärten ergibt sich, daß die Tiere auf Grund der Wirkung des Regelkreises nach der
Ablenkung in die erlernte Richtung zurückkehren müssen. Denn die Stellgrößen
entsprechen den Meldungen
-(φ+β)+φ = -β bzw. -(φ-β')+φ = β'.
Und diese Methode zur Ermittlung der Luftlinie verwendet auch das Zentralnervensystem der Ameise.
Das ergab sich u. a. aus folgendem experimentellen Befund: Die Versuchstiere, die sich bei ihrem
Weg eines fernen dunklen Gegenstandes als Orientierungsmerkmals bedienten, erhielten zusätzlich
in zwei verschiedenen Richtungen je eine Lichtquelle geboten. Beide Lampen leuchteten jedoch nicht
gleichzeitig, sondern abwechselnd und in verschiedenen Versuchen in unterschiedlichen Zeitintervallen:
1. 15 und 45 sec, 2. 30 und 30 sec, 3. 45 und 15 sec lang. Der Anblick der Lichtwechsel störte die
Tiere nicht; im Gegenteil, die Lichtquellen wurden für sie zu einem zusätzlichen Orientierungsmerkmal.
Nachdem die Ameisen unter diesen Bedingungen genügend Erfahrung gesammelt hatten, wurde im entscheidenden
Versuch einerseits die dunkle Orientierungsfläche entfernt, andererseits nur eine Lampe anstelle der zwei,
und zwar in einer neuen Richtung geboten. Die Ameisen stellten sich nun zu ihr prompt in einer
Winkelrichtung ein, die dem zeitlichen Durchschnittswinkel zwischen den Leuchtrichtungen der beiden
Lampen entsprach. Im zweiten der oben angegebenen Fälle entsprach dieser Durchschnittswinkel der
Winkelhalbierenden zwischen den Lampen, im ersten und dritten Fall teilten die Ameisen den Winkel
im Verhältnis 3:1 bzw. 1:3. — Die Ameisen nehmen also die Erfahrung über die Lichtrichtungen
und Leuchtzeiten auf.
Durch deren "Verrechnung" in einem Lernvorgang entsteht in ihrem Zentralnervensystem ein Informationswert
für die zeitliche Durchschnittsrichtung, die unter den Bedingungen der Richtungsfindung in der freien
Natur die Richtung des geraden Weges ist. Dieser — einen Winkel zu einem Orientierungsmerkmal
repräsentierende — zentralnervöse Wert geht dann als "Sollwert" in die Orientierungsreaktionen
der Ameisen ein. Die Bilder 2 und 3 sollen dies andeuten. Formal ist der Vorgang im Nervensystem
der Ameise eine zeitliche Integration und Mittelung der eingehenden Winkelwerte. Man kann sagen: Das
Nervensystem der Ameise verwendet die mathematische Methode der zeitlichen Integration und Mittelung
zur Bestimmung des geraden Weges zu einem zunächst nur auf Umwegen erreichbaren Ziel.
— Ein Beispiel einer "höheren" mathematischen Leistung der Informationsverarbeitung liefert das
Bewegungssehen des Insektenauges.
4. Folgerung
Enthält die Biologie Aufgaben für eine biologisch-kybernetische Arbeitsrichtung? Diese Frage leitete die
Besprechung der Forschungsbeispiele ein. Sie verdiente eine Verneinung, falls es entweder gar keine
informationsübertragenden oder -verarbeitenden Prozesse im Organismus gäbe, oder aber, falls die
vorkommenden Prozesse dieser Art so einfach und durchschaubar wären, daß es zu ihrer Erfassung
keiner theoretischen Mittel außerhalb der herkömmlichen Begriffswelt der Biologie bedürfte.
Die besprochenen Forschungsbeispiele scheinen mir aber zum Teil tatsächlich nur mit den theoretischen
Mitteln der Kybernetik zu verstehen zu sein. Zumindest hat die Biologie für einige Begriffe wie
Proportional- und Integralregler, Frequenzgang, Sollwertverstellung eines Regelkreises, zeitliche
Mittelung und vor allem für den Begriff der Information keine Analoga bereit. Sie wird vermutlich
auch keine Sonderterminologie mehr bilden; denn der Kontakt mit der Technik, der Mathematik und der
Informationstheorie ist überall hergestellt, und dort liegen die notwendigen Begriffe fertig vor.
Insofern glaube ich, daß die Existenz einer biologisch-kybernetischen Arbeitsrichtung sachlich
begründet ist und vermute, daß sogar die Lösung einiger "königlicher Probleme" der Biologie
und Physiologie, z. B. des Gestaltsehens und des Gedächtnisses, auf ihrem Wege liegen.
Literaturverzeichnis
[1] A. Bleichert, Arch. f. Ophthalmologie 159 [1957] S. 396.
[2] H. Drischel, in H. Mittelstaedt (Hsg.): Regelungsvorgänge in der Biologie. München 1956.
[3] R. Jander, Z. f. vgl. Physiol. 40 [1957] S. 162.
[4] W. A. H. Rushton, in W. A. Rosenblith (Hsg.): Sensory Communication. New York 1961.
[5] L. Stark, u. Ph. Sherman, J. Neurophysiol. 20 [1957] S. 17.
[6] J. Stegemann, Pflügers Arch. 264 [1957] S. 113.
*)
Dieser Aufsatz erscheint auch in der 3., völlig überarbeiteten und stark erweiterten Auflage
der Broschüre "Kybernetik — Brücke zwischen den Wissenschaften", Umschau-Verlag, Frankfurt a. M.
**)
1922; zusammen mit W. Reichardt und H. Wenking 1958 Begründung der Forschungsgruppe Kybernetik am
Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen. Seit 1990 o. Prof. für Zoologie.
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