Bernhard
Hassenstein
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In: RIEDL, R.J. und KREUZER, F. (Hrsgg.): Evolution und Menschenbild. Hamburg (Hoffmann und Campe). 1983.
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Evolution und Werte
Bernhard Hassenstein
Auf einer Tagung sprach mich ein Student an, der gerade mehrere naturwissenschaftliche Vorträge
über die biologische Evolution angehört hatte, und fragte mich: "Welches Ziel verfolgt
eigentlich die Evolution? In Wirklichkeit doch nur eines: das Überleben".
Dem Studenten war anzumerken, daß er, indem er die Frage stellte, von mir zwar die Bestätigung
"Ja, nur das Überleben" erwartete, daß er aber darüber zugleich tief enttäuscht war.
Als junger Mensch hatte er in den wissenschaftlichen Schilderungen des grandiosen Evolutionsgeschehens
auch dessen "tieferen Sinn" offenbart sehen wollen; der aber war ihm verborgen geblieben: Das bloße
Sich-Fortsetzen des Lebens genügte dem von ihm erhobenen Anspruch auf Sinngebung nicht.
Ich habe auf die Frage des Studenten, der eigentlich auf eine enttäuschende Erwiderung gefaßt
gewesen war, etwa folgendermaßen geantwortet: In der Tat war und ist das Sich-Fortsetzen des
existierenden Lebens im Kleinen wie im Großen ein ursprünglicher, umfassender, auch für uns Menschen
entscheidender Wert.
Im Verlauf der Evolution, soweit wir sie als Biologen richtig verstehen, sind aber über das (1) bloße
Überleben hinaus weitere Entwicklungsrichtungen, denen für uns Menschen wirkliche Werte entsprechen,
dazugekommen, so (2) die Höherentwicklung und (3) die Entstehung von Vielfalt und Schönheit.
Auf einer noch höheren Evolutionsstufe bildeten sich Antriebe, auf deren Befriedigung die Tiere durch
ihr Verhalten hinstreben, so die Antriebe, Nahrung zu suchen, zu trinken, sich mit einem Geschlechtspartner
zu paaren und Junge zu pflegen; es entstand auch der Spieltrieb junger Säugetiere.
Falls, wie wir vermuten dürfen, mit der Befriedigung dieser Antriebe nicht nur beim Menschen, sondern auch
bei den Tieren das (4) Empfinden von Lust einhergeht, so ist auch dies - auf der hier
angemessenen Ebene - als Wert anzusprechen, der im Verlauf der Evolution zu den vorgenannten Werten hinzutrat.
Schließlich entwickelte die Evolution Verhaltensprinzipien, die unseren (5) sozialethischen Werten
entsprechen: Zahlreiche Tiere unterziehen sich den größten Strapazen und riskieren ihr Leben, um ihren Jungen,
ihren Verwandten oder ihren Sozialpartnern beizustehen und zu helfen, bis zur Selbstaufopferung.
Auf der Stufe des Menschen folgte dann (6) die Fähigkeit, das eigene Verhalten nach bewußten ethischen
Werten, also nach dem Maßstab von Gut und Böse, auszurichten.
So ungefähr belehrte ich den Studenten zwischen Tür und Angel des Vortragssaales. Die nun folgenden Erörterungen
sollen, soweit überhaupt möglich, die soeben vorgelegte Skizze zu einem farbigen Gemälde vervollständigen
und sie zugleich wissenschaftlich-theoretisch untermauern. Hierzu sind allerdings zunächst zwei Hintergrundfragen
zu stellen, hinsichtlich derer es gilt, sich bestmöglich - zumindest für den Verlauf der kommenden Erörterungen -
zu einigen: 1. Was soll in unseren Überlegungen überhaupt unter "Werten" verstanden werden? Und 2. In welcher
Beziehung stehen Werte, wenn sie in irgendwelcher Form verwirklicht sind, zu den materiellen und
funktionellen Grundlagen ihrer Verwirklichung?
Was ist ein "Wert"?
Ein ganzer Zweig der Philosophie versucht zu klären, was wir unter Werten zu verstehen haben.
Die Vertreter dieser "Wertphilosophie" bieten allerdings eine weite Skala von Standpunkten an:
Für die einen ist "Wert" ein relativer Begriff und nur aus Zielbestimmungen herzuleiten,
die von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind.
Für NICOLAI HARTMANN (1949) aber beispielsweise gab es jenseits der Wirklichkeit der uns umgebenden
Dinge und auch jenseits unseres Bewußtseins ein für sich bestehendes Reich, einen eigenen
"Kosmos der absoluten Werte".
Angesichts solcher äonenweiten Distanz zwischen unterschiedlichen, von würdigen Philosophen vertretenen
Standpunkten wähle ich einen anderen Wegweiser: Ich vertraue mich der Umgangssprache an und frage -
im Hinblick auf das, was von der Evolution zu wissen glauben - nach allem, was die Umgangssprache als
"Wert" bezeichnet.
Ich habe guten Grund zu meinem Vertrauen in die Umgangssprache. Die Worte, also die Elemente der Umgangssprache,
gewinnen ihre Bedeutung im Wechselgespräch zwischen den Angehörigen der Sprachgemeinschaft; hierdurch wird
auch die Speicherung aller zur Bedeutung gehörenden Wort-Gegenstands-Beziehungen immer wieder aufgefrischt und verstärkt.
Durch ihren Gebrauch gewinnen dabei die Worte unbewußt einen so vielfältigen Beziehungsgehalt, daß es gar
nicht mehr so einfach ist, diesen Reichtum zu analysieren. Studenten, die mir mein Vertrauen zur Umgangssprache nicht
abnehmen wollen, fordere ich dazu auf, beispielsweise einmal nur den Gehalt der Wörtchen "nur" und "erst" zu ermitteln:
Sie knobeln eine ganze Weile und staunen dann über die Weisheit und Klarheit des Beziehungsgehalts dieser beiden
schlichten, aber unentbehrlichen Wörter, die schon das Kleinkind richtig gebrauchen kann.
So hege ich auch volles Vertrauen, daß das Wort "Wert" in unserer Umgangssprache Wirkliches widerspiegelt,
ohne daß ich das im einzelnen herauszuarbeiten brauchte. Mein Mich-Richten nach der Umgangssprache gewährleistet
mir im übrigen, daß ich die Frage nach der Beziehung zwischen Evolution und Werten menschengerecht stelle und nicht
in den Fehler verfalle, zunächst eine womöglich verengte oder verwässerte Definition des Begriff "Wert" zugrunde zu legen
und dann entweder einen erheblichen Teil dessen, was interessiert, aus der Erörterung auszublenden oder Dinge zusätzlich
zu behandeln, die für den Leser gar nicht zum Thema gehören.
Verwirklichte Werte
In welcher Beziehung stehen Werte, die in irgendeiner Form realisiert sind, zu ihren materiellen oder funktionellen
Trägern?
Werte, die wir in der Wirklichkeit ausgeprägt finden, beruhen in dieser ihrer Existenzform immer auf Bedingungen
aus einfacher strukturierten Seinsschichten: Skulpturen - selbst die eines MICHELANGELO - bedürfen des Steins und
des Metallwerkzeugs, um den Stein zu bearbeiten; die Darbietung einer MOZART-Klaviersonate bedarf nicht nur des
Künstlers, sondern auch der physikalischen Gesetze der Schwingungen in der Luft und in festen Körpern sowie der
ausgefeilten Technik des Instrumentenbaus.
Wir müssen uns damit abfinden: Die Abhängigkeit der Realisierung der Werte von materiellen und funktionellen
Bedingungen aus einfacher strukturierten - oft sagt man: "niederen" - Seinsschichten ist ein nicht wegzuredender
Bestandteil der Welt, in der zu leben uns das höchste Wesen zugewiesen hat.
Wertvolles, was existiert, besitzt die materielle und funktionelle Basis für diese Existenz. Es braucht diese Basis,
um zu existieren. Kein Wert kann sich, sobald es um seine Verwirklichung geht, gegen seine Abhängigkeit von
materiellen Voraussetzungen seiner Existenz durchsetzen.
Daraus folgt etwas Verwirrendes und Schmerzliches: Die genannten materiellen und funktionellen Grundlagen verhelfen
in der Regel nicht nur den Werten zu deren Existenz, sondern sie können auch zu wertlosen oder gar Werte zerstörenden
Vorgängen beitragen: Die biologische Zellteilung beispielsweise, ein im Grunde unfaßlich großartiges
Geschehen, das jeden von uns Menschen aus einer befruchteten Eizelle von einem Zehntelmillimeter Durchmesser hat
entstehen lassen — die Zellteilung ist zugleich die Grundlage der tödlichen Krankheiten Leukämie, Krebs und
Sarkom. Die materiellen und funktionellen Grundlagen der Werte lassen sich in vielen Fällen auch zum Wertezerstören
gebrauchen oder verführen; sie sind - vom Wertstandpunkt aus gesehen - zu "betrügen".
Sie wehren sich nicht, auch Widrigem zur Existenz zu verhelfen.
Die materiellen Grundlagen von Werten erweisen sich in der Regel als wertneutrale Grundlagen für Werte und Unwerte.
Durch das Bewußtwerden dieser Abhängigkeit von Wertneutralem werden aber nicht etwa rückwirkend die Werte als
Scheinwerte entlarvt. Kein vernünftiger Mensch würde beispielsweise zustimmen, wenn einer sagte: "Die eben gehörte
Mozartsche Klaviersonate ist 'nichts als' ('is nothing but') Luftschall unterschiedlicher Frequenzen."
Nach dieser Vorüberlegung werden wir uns nicht mehr verwirren lassen, wenn wir in der Evolution Werthaltiges
entstehen sehen und zugleich erkennen müssen, daß dafür Prozesse die funktionelle Basis boten, die
selbst wertneutral sind und auch etwaiger Wertezerstörung Vorschub leisten. Wir werden der Versuchung widerstehen,
aus der Erkenntnis solcher materiellen und funktionellen Bedingtheit von Werten zu folgern, das angesprochene Wertvolle
sei nun entlarvt: Es sei "nichts als" Ausdruck der zur Verwirklichung nötigen materiellen Elementarvorgänge.
Instinktives hilfreiches Verhalten gegenüber Blutsverwandten ist also uneigennützig, auch wenn es von
Erbanlagen (Genen) abhängt, die sich - wie alle anderen Gene lebenstüchtiger Organismen - einmal in der Konkurrenz,
also eigennützig, gegen andere Gene durchgesetzt haben: Die Wirklichkeitsebene, auf der sich die Genselektion abspielt,
liefert - selbst wertneutral - Voraussetzungen sowohl für uneigennütziges als auch für eigennütziges Sozialverhalten.
Wert und Unwert
Nach diesen Vorbemerkungen stelle ich nun als empirischer Naturwissenschaftler - als solcher möchte ich mich äußern -
an die Natur, soweit wir sie heute durchschauen, die Frage: Welche Werte - Werte also im umgangssprachlichen Sinn - hat die
Evolution verwirklicht, welche hat sie verfehlt? Lassen sich aus der Betrachtung des Evolutionsverlaufs vielleicht auch
Werte schöpfen, die für den Menschen bedeutsam sind?
Ich werde also Naturphänomene mit menschlichen Werten in Beziehung setzen. Dieser etwas ungewöhnlichen Aufgabe kann ich m
ich unterziehen, ohne gegen den Grundsatz der Sachlichkeit zu verstoßen: Denn ich gebe nicht als Person Werturteile ab,
für deren Übernahme ich beim Leser werbe; ich weiß ja, daß sich das Naturgeschehen "jenseits von Gut und Böse"
abspielt. Ich stelle mir die Aufgabe, Relationen zu beschreiben, formale Beziehungen zwischen zwei Bereichen unterschiedlicher
Wirklichkeiten: dem Naturgeschehen der Evolution auf der einen und dem, was umgangssprachlich als Wert bezeichnet wird,
auf der anderen Seite. Ich bekenne, daß mich dieses Thema persönlich beunruhigt und bewegt; doch versuche ich,
dem so wenig als möglich Ausdruck zu geben. So glaube ich, dem Leser den bestmöglichen Dienst zu erweisen: ihn sachlich
zu informieren, ohne ihn durch vorweggenommene Wertungen in seinem selbständigen Urteil zu beeinflussen.
Die nun folgende Erörterung behandelt nicht nur die Errungenschaften der Evolution, die für uns Menschen Werte repräsentieren,
sondern jeweils anschließend auch die in der Evolution verwirklichten alternativen Prinzipien des Werte-Verlusts und der
Werte-Zerstörung. Hierbei wird immer wieder folgendes hervortreten: Auf jeder Ebene des Naturgeschehens der Evolution finden
sich nicht nur Errungenschaften, die wir als Werte empfinden, sondern auch Gegebenheiten und Vorgänge, die den für uns
"Wertvollen" Gegebenheiten widersprechen, sie wieder aufheben oder zerstören.
Leben und Überleben
Unter den sechs eingangs erwähnten Errungenschaften der Evolution, die wir im Sinne der Umgangssprache als Werte anerkennen,
ist die erste und ursprüngliche das Leben selbst; eingeschlossen in diesen Begriff ist die zeitliche Fortdauer des Lebens,
das Überleben. Auf dieser Ebene heißt folglich mehr Leben und längeres Leben auch ein Mehr
an Verwirklichung dieses Wertes.
Die lange Dauer eines Lebens als Wert zu empfinden liegt übrigens den Menschen nicht fern: In manchen Kulturkreisen wünscht
man einander nicht nur ein gesundes und glückliches, sondern auch ein langes Leben.
Fragt man, wie weit sich in der Evolution die Werte "viel Leben" und "langdauernde Fortsetzung des Lebens"
verwirklicht haben, so finden sich dafür staunenswerte Zeugnisse: Ein solches Staunen ergreift uns beispielsweise
angesichts des imponierenden Gebirgsstockes der Dolomiten: Man muß sich vor Augen halten, daß
deren Kalksubstanz bewiesenermaßen samt und sonders im Verlauf von Jahrmillionen aus den Kalkskeletten
unzähliger Meerestiere hervorgegangen ist, also aus Lebensprozessen von unvorstellbarer Vielzahl und unvorstellbarer
Dauer. Und doch fällt dies kaum ins Gewicht gegen ein noch weit umfassenderes Geschehen: Aller Sauerstoff des
Luftmeeres unserer Atmosphäre ist einstmals in Jahrmilliarden von ungezählten Lebewesen - vermutlich blaugrünen
Meeresalgen (Cyanophyceen) - produziert worden, und zwar durch Spaltung von Kohlendioxyd (CO2) mit Hilfe
des Sonnenlichts. Bei diesem gleichen Prozeß entstanden vermutlich auch die Substanzen, die seitdem als Erdöl und
Erdgas im Erdmantel lagern.
Wir können aus diesen und noch zahlreichen ähnlichen Tatbeständen folgern: Die Evolution hat den Wert "Leben" in
gigantischem Umfang und "Überleben" in unvorstellbaren Zeiträumen verwirklicht. Bis heute hat das Leben als solches
in Gestalt einer jeweils unübersehbaren Fülle von lebenden Individuen fortgedauert.
Individueller Tod, Artentod
Das Leben insgesamt erhält sich auf der Erde seit mehreren Milliarden von Jahren. Irgendwann im Verlauf
der Höherentwicklung der Pflanzen und Tiere nahm jedoch ein gesetzliches Gegengeschehen seinen Anfang:
die Begrenzung des individuellen Lebens auf eine festgelegte Zeitspanne, damit also der Tod aus inneren Ursachen.
Dies betrifft noch nicht die einfachsten Lebewesen wie die Bakterien; wenn diese zugrunde gehen, so sind stets
Widrigkeiten der Umwelt dafür verantwortlich wie Nahrungsmangel, Hitze oder Kälte. Erst mit dem Fortgang der
Evolution entstand das Phänomen des unumstößlichen individuellen Todes. Ein allbekanntes Beispiel für
eine genetisch festgelegte Lebensspanne liefern die einjährigen Pflanzen im Vergleich zu den mehrjährigen;
für die einjährigen ist das Erlöschen ihres individuellen Lebens nach dem Ablauf einer Jahres-Lebensperiode
unausweichlich.
Für alle Organismenarten mit innerlich vorprogrammiertem Tod begrenzte sich die Lebensdauer des Individuums
im Ablauf der Automatik der Evolution auf einen Zeitraum, der sich für das Erhaltenbleiben der Art als günstig
erwies. Besonders dramatisch vollzieht sich dieses "Sterben aus inneren Ursachen" beim Lachs:
Nach der ersten, bei dieser Art zugleich auch einzigen Lebensperiode des Eierlegens und des Besamens der Eier
gehen die erwachsenen Tiere durch innere Gewebe-Auflösung zugrunde; diese wird durch Hormone ausgelöst, die im
eigenen Körper entstehen und dort ihre todbringende Wirkung entfalten.
Ein individuell vorprogrammierter Tod, dem auch wir Menschen unterliegen, mutet wie eine Durchbrechung des Wertes
des Überlebens an, den doch sonst die Evolution zu verfolgen scheint. Doch wenn die Formulierung, die GOETHE
zugeschrieben wird, das Richtige trifft: "Der Tod ist der Kunstgriff der Natur, viel Leben zu haben", so heißt
das: Für die Evolution ist das längere Leben des Individuums höchstens in bestimmten Grenzen von Wert.
Wo der Tod von Individuen dem Weiterbestand des Lebens von Arten dienlich ist, da steht offenbar die Erhaltung des
individuellen Lebens erst an einer späteren Stelle der evolutionären Werteskala.
Nicht nur die Individuen der höheren Pflanzen und Tiere unterliegen dem Schicksal des Todes - auch zahlreiche Pflanzen-
und Tierarten sind im Laufe der Evolution erloschen. Vermutlich leben heute nur zwischen 10 Prozent und 1 Prozent aller
Organismenarten, die je die Erde bevölkerten. Zehn- bis hundertmal so viele Arten, als heute existieren, sind also
im Laufe der Erdgeschichte ausgestorben - für immer verschwunden.
In vielen Fällen waren sicherlich Umweltveränderungen für das Aussterben von Organismenarten verantwortlich,
bei Meerestieren vielleicht die Erwärmung oder die Abkühlung des Wassers oder die Änderung des Salzgehalts;
für Landpflanzen und -tiere womöglich ein Klimawechsel oder das Einwandern von übermächtigen Nahrungskonkurrenten.
Zusätzlich aber ist die Frage berechtigt: Sind in Analogie zur physiologisch bedingten Begrenzung der Lebensspanne
von Individuen auch innerartliche Faktoren denkbar, die das Aussterben von Arten mitbedingt haben?
Auf den ersten Blick scheint der Mechanismus des Evolutionsgeschehens hierfür keinen Ansatz zu bieten:
In jeder Bevölkerung von Organismen steckt zwar die Tendenz zur Variation ihres Erbguts, so daß
die Individuen einer Art unter sich genetisch unterschieden sind und dabei auch weniger lebenstüchtige
Individuen vorkommen. Im Durchschnitt müssen sich aber stets diejenigen Gen-Kombinationen am stärksten
vermehren, die ihren Trägern die beste Nutzung der Umwelt und die wirksamste Verteidigung gegen Gefahren
ermöglichen; denn dies gewährleistet den besten Überlebens- und auch Fortpflanzungserfolg.
In diesem Geschehen der "natürlichen Auslese" (Selektion) scheint die Garantie dafür zu liegen, daß
etwaige innere, die Überlebensfähigkeit schwächende Erbanlagen automatisch in der Konkurrenz unterliegen
und somit erlöschen. Eine Schwächung der Überlebensfähigkeit einer Bevölkerung (z. B. einer Art)
von Organismen aus inneren Gründen scheint hierdurch von vorneherein ausgeschlossen zu sein.
Die tiefere Einsicht in die Evolutionstheorie offenbart aber: Unter Umständen kann die Selektion
auch Überlebensfähigkeit von Arten schwächen und auf diese Weise ihr Aussterbe-Risiko vergrößern.
Diese Gefahr stellt sich ein, wenn sich Konkurrenzverhalten zwischen Artgenossen entwickelt, sei es der Kampf
um Nahrungsquellen, um Wohnreviere; vor allem aber um die Möglichkeit, sich mit Weibchen zu paaren.
Artgenossen, die sich in der innerartlichen Konkurrenz gegen ihresgleichen durchsetzen, werden ebenso mit
besseren Fortpflanzungschancen belohnt wie solche, die ökologisch erfolgreicher sind, also ihre Umwelt wirksamer
nutzen oder besser gegen Raubfeinde geschützt sind. Da zur erfolgreichen Rivalität gegen Artgenossen mitunter
andere Mittel dienlich sind als für das sonstige Überleben, fördert die innerartliche Selektion auf lange Sicht
eine eigene Selektionsrichtung: Die Konkurrenz gegen Artgenossen kann spezielle Verhaltensweisen und sogar
besondere körperliche Eigenschaften züchten. Hirsch und Hirschkäfer können dafür gleichsam als die
Wappentiere der beiden größten Tierstämme gelten. Die zur Austragung der Rivalität - vor allem um
den Zugang zur Paarung mit Weibchen - entwickelten Eigenschaften können sogar die ökologische Potenz der
Art beeinträchtigen: Auffällige Farben, die bei der Balz eine Rolle spielen, widersprechen dem
Anliegen der Tarnung gegen solche Raubfeinde, die ihre Beute mit dem Gesichtssinn aufspüren.
Zumindest ein Teil allen Spezialverhaltens zum Ausfechten innerartlicher Rivalität wie auch das
Ausbilden entsprechender Kampforgane zehrt somit am biologischen Potential, das den Individuen und
in summa der Art für das Überleben und die Fortpflanzung zur Verfügung steht.
Für das reine Überleben einer Verwandtschaftsgruppe in ihrem Lebensraum ist der für innerartliche
Rivalität geleistete Aufwand nicht notwendig; er ist in dieser Hinsicht gewissermaßen ein Luxus.
Der Umfang dieses Luxus kann unerheblich sein, solange eine Art im "Ökologischen Wohlstand" lebt und nicht
auf ihre "Ökologischen Reserven" angewiesen ist. Im ökologischen Krisenfall aber kann es um die letzten
verfügbaren biologischen Reserven gehen, um als Art zu überleben. Diese Reserven sind geringer, wenn ein
genetisch verankertes, innerartliches Konkurrenzverhalten und die Ausbildung der zugehörigen Kampforgane
an ihnen zehren. Eine Hirschart wird eine hereinbrechende Knappheit an Nahrung (insbesondere was die
Mineralbestandteile betrifft) weniger leicht überstehen, wenn die Individuen alljährlich gezwungen sind,
aufwendige Geweihe zu "schieben" (auszubilden), die sie dann zum Jahresbeginn ("Hornung" = Februar) doch wieder abwerfen:
Zwar wissen wir bis heute nicht, wieweit das massenhafte Aussterben von Organismenarten in der Erdgeschichte
tatsächlich durch den biologischen Aufwand für innerartliche Konkurrenz mitbestimmt gewesen ist.
Doch können wir angesichts der geschilderten Denkmöglichkeit nicht mehr mit Sicherheit davon ausgehen,
aller Artentod sei lediglich durch äußere Einflüsse verursacht gewesen: Nach der Theorie der Evolution
tendiert die Selektion, falls die biologische Variation das Material dazu bereitstellt, zur Verschärfung
der innerartlichen Konkurrenzkämpfe sogar bis zum Einsatz aller im Normalfall nicht beanspruchten biologischen
Reserven und schwächt dadurch die Art für den unvorhersehbaren künftigen Ökologischen Krisenfall.
Wenn also das Leben eine Errungenschaft der Evolution war und die Lebenserhaltung als Wert in der Evolution gelten soll,
dann ist dieser Wert zwar hinsichtlich des Lebens als Gesamterscheinung großartig verwirklicht; aber weder auf
den Individuen noch auf den Arten ruht das Auge einer personifiziert gedachten, bewahrenden Göttin "Evolution".
Die Selektion fördert - sofern wir sie richtig verstehen - sowohl auf der Ebene der Individuen als auch auf der Ebene
der Art das Überleben und den Tod.
Auch die Art "Mensch" scheint jetzt dabei zu sein, durch innerartliches Aufrüsten und Kämpfen, wie Hirschkäfer und Hirsch,
ihre ökologischen Reserven unvoraussichtig aufs Spiel zu setzen. Sie handelt dabei konform mit Naturgesetzen.
Das Aussterben der Art "Mensch" wäre darum im Rahmen der Evolution nichts allzu Aufregendes. Schon mehrmals mußten
die jeweiligen Herrscher der Welt endgültigen Abschied nehmen.
Höherentwicklung
In unserer Erörterung des Themas "Evolution und Werte" soll als zweiter Wert die Höherentwicklung besprochen werden.
Gemeint ist der Evolutionsweg von der Stufe des Bakteriums zu der des Einzellers und von dort zur Ebene der
mehrzelligen Lebewesen: Auf seiten der Pflanzen sind dies vielzellige Algen, Moose, Farne, Blütenpflanzen;
auf seiten der Tiere werden wichtige Schritte der Höherentwicklung durch den Regenwurm, den Schmetterling,
den Fisch, die Säugetiere und schließlich durch den Menschen repräsentiert.
Im Tierreich war bzw. ist diese Höherentwicklung gekennzeichnet durch zunehmende Beweglichkeit, mehr Sinnesorgane,
bessere Reaktionsfähigkeit, höhere Lernfähigkeit und schließlich durch die aufkeimende Intelligenz.
Dadurch spiegelt sich immer mehr Wirklichkeit in immer höher entwickelten Organismen wider.
Die ersten Lebewesen lebten von Anorganischem, hauptsächlich von Kohlendioxyd und Sonnenlicht; dies gilt auch für
die grünen Pflanzen. Viele Bakterien, niedere Pflanzen (z. B. Pilze) und alle Tiere ernähren sich dagegen von
bereits Lebendem: von Bakterien, Pflanzen oder von anderen Tieren. Das Dasein als Pflanzenfresser, mehr noch als Räuber,
setzt mehr innere Organisation, bessere Sinnesorgane, höhere Beweglichkeit voraus; die Evolution kam diesen Bedürfnissen
nach und stattete die Lebewesen entsprechend aus. Die Höherentwicklung hatte dabei weithin den Charakter, bessere direkte
und indirekte Waffen zu entwickeln, um sich andere Lebewesen dienstbar zu machen, aber auch - auf der anderen Seite -
um sich mit Abwehrmitteln gegen den Zugriff von Raubfeinden zu schützen. Neben dem Erobern neuer Lebensbereiche - das hat
mich einst RUPERT RIEDL (1962) als erster gelehrt - wurde dann das Wettrüsten zwischen Raubfeind und Beute zur
vermutlich wichtigsten Triebfeder der Höherentwicklung.
Stammesgeschichtliches Absinken auf niedrigere Entwicklungsstufen
Aufmerksam geworden durch die Feststellung, daß die Evolution zwar das Leben als Ganzes erhalten hat,
zahllose Arten aber aussterben ließ, fragen wir nun auch hier: Gab es in der Stammesgeschichte - wenn wir
einmal den Maßstab der Höherentwicklung anlegen - auch den Weg abwärts? Die Antwort lautet: Ja,
und zwar auch dies in größtem Ausmaß.
Beispiele sollen das belegen: An vielen Stellen der Erde gibt es Höhlen und Höhlensysteme. Darin leben Krebse,
Fische, Insekten und andere Tiere. Fast alle diese Höhlentiere sind blind. Im Institut halten wir zur Zeit
eine Höhlenfischart (Anoptichthys), die aus Mittelamerika stammt: Dort, wo bei anderen Fischarten Augen sitzen,
ist bei ihr einfach Haut wie sonst am Körper. Nun ist es in den Höhlen dunkel; die Augen werden dort nicht
gebraucht. Was eine Art nicht braucht, das laßt die Evolution in der Regel schneller oder langsamer
degenerieren und verlorengehen. Die Art sinkt dann hinsichtlich des überflüssig gewordenen Organs um eine
Stufe der Höherentwicklungsskala zurück. Von diesem Stadium ausgehend, besteht dann aber auch kaum die Chance,
das verlorene Organ wiederzugewinnen. Höhlentiere können nicht mehr ans Licht zurückkehren und gegenüber
sehtüchtigen Tieren wieder konkurrenzfähig werden.
Weit drastischer ist das Absinken von zuvor erreichten Differenzierungsstufen bei vielen Parasiten,
vor allem bei denen, die im Innern ihrer Wirte leben. Die meisten dieser "Innenparasiten" haben so gut
wie alle Sinnesorgane eingebüßt, dafür allerdings die Fortpflanzungszahl riesig gesteigert.
Den abenteuerlichsten Abstieg auf der Leiter der Höherentwicklung hat nicht der Bandwurm hinter sich,
sondern ein kleiner Krebs, Sacculina, häufig beispielsweise an der Nordseeküste (BAER 1952).
Er beginnt wie seine Verwandten mit einer munter umherschwimmenden Larve mit Schwimmbeinen, Augen
und Mundwerkzeugen. Bald aber heftet sich diese Larve an einer Strandkrabbe fest. Sie wirft - geradezu symbolisch - ihren
Kopf mit den Augen ab, dazu fast den ganzen Körper mit den Beinen; so bleibt nur noch der Hinterleib übrig,
der nun aber Saugwurzeln wie Pilzhyphen durch den ganzen Körper des Wirtes wachsen läßt, um dessen
Körpermaterial aufzusaugen und zur Produktion eigener Eier zu verwenden. Hier ist die parasitäre Degeneration
perfekt. Zugleich ist die selbständige Lebensfähigkeit des erwachsenen Tieres auf Null herabgesunken; diese
Tierart ist total abhängig geworden: Ein Aussterben der Strandkrabbe würde auch dem Parasiten restlos den
Garaus machen; er hätte nicht die geringste Chance zu überleben.
Wie läßt sich hinsichtlich des Wertes der Höherentwicklung die Strategie der Evolution bewerten,
wenn sie auf dem Weg zur Auseinandersetzung zwischen Räuber und Beute die Höherentwicklung vorantreibt
und zugleich die parasitäre Degeneration zuläßt? Die Antwort lautet: Alles spricht dafür, daß
die Stammesgeschichte in jeder Weltsekunde für alle Verwandtschaftsgruppen denjenigen Weg geht, der diesen
in der aktuellen Gegenwart die größten Überlebensvorteile sichert. Was nützt, wird vielfach aufs
großartigste entwickelt; was in dem betreffenden Weltaugenblick aber gerade nicht nützt, wird ohne
Voraussicht fallengelassen, einschließlich der vitalen Selbständigkeit. Nach heutiger Kenntnis können
wir sagen: Die Evolution, wenn man sie als planendes Wesen personifiziert, ist zukunftsblind, oder, was hier
das gleiche aussagt, sie ist durch und durch opportunistisch.
Das zeigt sich auch dort, wo der Mensch zur Selektionsinstanz wird: Kein naturgesetzlicher
Widerstand regt sich, wenn der Mensch Haustierstämme oder Ziertierstämme züchtet, die von
selbständiger Lebenstüchtigkeit keine Spur mehr besitzen. So gibt es Taubenrassen, deren Junge
nicht mehr die Eischale durchbrechen können und dafür auf den Menschen angewiesen sind.
Auch hat man als Modelltiere zu medizinischen Forschungszwecken Mäusestämme gezüchtet,
deren Individuen in bestimmten Lebensphasen an Krebs erkranken und daran zugrunde gehen.
Mich schaudert es, wenn mir dies vor dem Hintergrund der Prinzipien der Evolution vor Augen tritt.
Vielfalt und Schönheit
Jetzt kommen als nächste Werte, die in der Evolution verwirklicht wurden, Vielfalt und Schönheit
zur Sprache. Die Alternativen sind Eintönigkeit und Zerstörung von Schönheit.
Die Fortdauer des Lebens wäre ohne Höherentwicklung, aber auch ohne Vielfalt der Arten und natürlich
auch ohne jeden ästhetischen Wert denkbar. Es brauchte, so scheint es, beispielsweise nur blaugrüne
Algen zu geben; vielleicht war das auch Milliarden Jahre lang der Fall. Heute aber gibt es eine halbe
Million Pflanzenarten und vermutlich rund zwei Millionen Tierarten, vielleicht sogar noch mehr.
Einstmals wurde einem Zoologen die Frage gestellt: "What can you say about god?" Nach einiger Überlegung
antwortete er: "He must be very fond of beetles" - er muß ein großer Käferliebhaber sein.
In der Tat gibt es in keiner Ordnung des Tierreichs eine solche Vielfalt: etwa 300 000 Arten.
Fast ein Viertel aller bekannten Tierarten sind Käfer.
Es gibt Vielfalt und Ästhetik auch auf anderen Ebenen: Jedes singende Amselmännchen verfügt,
wie mein ehemaliger Schüler DIETMAR TODT (1970) herausbekam, über etwa dreihundert Motive,
aus denen es nach bestimmten Regeln seinen Gesang komponiert. Auch das hat sich in der Evolution entwickelt.
Unter den Ursachen der Vielfalt und dessen, was wir als ästhetisch schön empfinden, kennen wir einige;
ich nenne sie ohne nähere Erklärung: Einnischung und Nischenvielfalt, geographische Separation und
deren erdgeschichtliche Veränderung, schließlich dann die sexuelle Selektion und natürliche
Züchtung in der sexuellen Werbung: Ohne die Evolutionsimpulse durch sexuelle Rivalität zwischen
Männchen sänge die Nachtigall nicht besser als der Spatz. Die innerartliche Rivalität, im
drittletzten Abschnitt als mitverantwortlich für das Aussterben vieler Tierarten verdächtigt,
erweist sich hier zugleich als stammesgeschichtliche Triebfeder für die Verwirklichung von Vielfalt
und Schönheit.
Eintönigkeit und Häßlichkeit
Die lebende Natur auf dieser Erde ist so reich, daß sogar die Suche nach Beispielen für
Eintönigkeit Erfolg hat: Das Wasser des 13 Kilometer langen und 6 Kilometer breiten Nakurusees
im tropischen Afrika beherbergt nur eine einzige ins Pflanzenreich gehörige Organismenart,
nämlich die einzellige blaugrüne Alge Spirulina platensis, diese dafür aber in riesiger
Individuenzahl (VARESCHI 1978). Dazu zwei Beispiele aus ganz anderen Sphären: Während viele
Vogeleier bunte Muster tragen, sind die Eier aller in Höhlen brütenden Vögel eintönig weiß.
Viele Singvogelarten tragen ein buntes Federkleid; andere, darunter auch die Nachtigall, sind ganz
eintönig gefärbt.
Soweit wir Ursachen für das Vorkommen von Eintönigkeit im Organismenreich angeben oder vermuten
können, sind diese für die drei genannten Beispiele grundverschieden: Das Wasser des Nakurusees
ist stark natronhaltig (11% Na2CO3); als einziger pflanzlicher Organismus
hat sich Spirulina platensis an diese sonst lebensfeindliche Umweltbedingung anpassen können und
ist dort demgemäß Alleinherrscher. Bei Höhlenbrütern spielen etwaige Farbstoffe in der
Eischale wegen der im Nest herrschenden Lichtarmut oder Lichtlosigkeit keine Rolle und sind demgemäß
- sofern die Vorfahren gefärbte Eier hatten - verlorengegangen. Über die Einfarbigkeit der Nachtigall
kann man höchstens Vermutungen anstellen: Ob die Vielfalt ihres Gesangs etwas mit der Einfachheit
ihres Federkleides zu tun haben könnte - direkt oder indirekt -, ist völlig offen.
Nicht nur Eintöniges, auch Häßliches kann als Werk der Natur vorkommen, und ästhetisch
Schönes kann zerstört werden - selbst wo kein Mensch seine Hand im Spiel hat. Wo in der bildenden
Kunst Häßliches durch Symbole veranschaulicht werden soll, müssen mitunter Tiere herhalten,
vor allem Geier, Kröten oder "Gewürm". Dies können allerdings Biologen - mich eingeschlossen - meist
ganz und gar nicht mitempfinden. Wir sind "von Berufs wegen" darauf eingestellt, in allen Pflanzen- und
Tiergestalten das Angepaßtsein an bestimmte Lebensweisen zu sehen oder zumindest zu suchen.
So hängt beispielsweise die Nicht-Befiederung des Kopfes der Geier mit ihrer Ernährungsweise zusammen:
Als Aasfresser könnten sie etwa vorhandenes Kopfgefieder häufig nachhaltig beschmutzen, während die
unbefiederte Haut leichter zu reinigen ist. — Übrigens ist einem Biologen die Kenntnis von der
Subjektivität und damit Nicht-Objektivität etwaiger Urteile über schön und häßlich ins Blut
übergegangen. Andererseits könnten manche dieser Urteile in der Natur des Menschen verankert sein und
ihn vor nachteiligen Erfahrungen schützen.
Dies liegt besonders nahe in solchen Fällen, in denen selbst Biologen - außer den unmittelbar
engagierten Spezialisten - nicht leugnen, sich lebhaft abgestoßen zu fühlen; dies kommt im
Zusammenhang mit den Auswirkungen von Parasiten vor: Beispielsweise bohren sich die Larven von
Dasselfliegen in die Haut von Säugetieren ein und bringen das dortige Gewebe zur Entzündung und zur
Bildung von Beulen; in deren Inneren schwimmt dann die Larve in einem Brei aus Gewebeflüssigkeit,
Gewebetrümmern und Eiter, - wovon sie sich ernährt (RIETSCHEL 1979). Besonderen Ekel erregen
"Dasselbeulen", die von einer spezialisierten Fliegenart an Mäusen erzeugt werden - vor allem wenn
man sich vergegenwärtigt, in welchem Größenverhältnis diese Geschwüre zur Gesamtgröße
der Wirtstiere stehen. Hier und in manchen anderen Fällen kann sich der Biologe nicht der auch ihn
bedrängenden Frage erwehren, wo der Sinn solcher Entwicklungen stecken könnte.
Jedenfalls hat es sich auch hinsichtlich der ästhetischen Werte Vielfalt und Schönheit als
unabweisbar herausgestellt: Die Naturprozesse der Evolution haben einerseits in überströmender
Fülle Gegebenheiten hervorgebracht, in denen sich ästhetische Werte verwirklichen. Andererseits
waren dieselben Naturprozesse der Nährboden auch für die Entstehung von Eintönigem und Abstoßendem.
Antriebsbefriedigung, Lust
Im Zuge der Höherentwicklung der Tiere entstand die Lebenserscheinung, die wir "Verhalten" nennen.
Besonders ursprünglich war der Reflex und ist es auch heute noch: Bei einem Ballspiel entglitt
einem Mitspieler bei der Angabe der Ball. Ich fand mich in der Hocke wieder und merkte erst nachträglich:
Der Ball war blitzartig auf mich zugerast, aber ich war ihm so schnell ausgewichen, daß mein Bewußtsein
gar nicht mitgekommen war. Ich hätte auch gar keine Zeit gehabt, zunächst einen Schreck oder Angst zu bekommen
und erst daraufhin zu reagieren. Für einen schnellen Schutzreflex sind Angst und Schmerz entbehrlich.
Wenn aber höher organisiertes Verhalten mehr als einen Augenblick lang auf ein Ziel gerichtet bleibt,
auch wenn dabei die Außenumstände wechseln, dann ist das Bestehen eines überdauernden
funktionellen Sollwertes, Antrieb genannt, die funktionelle Voraussetzung dafür.
Das Erreichen des Sollwertes ist dann identisch mit der Antriebsbefriedigung. Wir können auch sagen:
Das zeitliche Überdauern von (Reflex-)Auslösungszuständen führte zur Entstehung der Prinzipien
"Antrieb" und "Antriebsbefriedigung".
Bekanntlich gibt es erstens Antriebe, deren Befriedigung dem Individuum das Aufrechterhalten seiner
Lebensprozesse sichert: zum Nahrungserwerb, zur Wasseraufnahme, zum Atmen, zur Harn- und Kotabgabe.
Zweitens gibt es Antriebe, die das Überleben der Art sichern: zur Paarung mit Geschlechtspartnern
und zur Jungenaufzucht.
Aber über die Zweiheit der biologischen Bedeutungen der Antriebe wissen höchstens wir Menschen Bescheid,
nicht die Tiere selbst; und nicht einmal beim Menschen ist dieses Wissen der überwiegende Grund für das
vielfach anstrengende und gefährliche Verhalten der Nahrungssuche, der Paarung usw.
In Tieren und Menschen sind dafür viel stärkere gegenwärtige Impulse ausgeprägt und repräsentiert:
Hunger, Durst, Sexualdrang und deren Befriedigung. Um dieser Sofortziele willen handeln Tiere und Menschen.
Die Antriebe sind gleichsam die Stellvertreter für die Anliegen der Erhaltung des Individuums und der
Fortpflanzungsgemeinschaft. Wir können auch sagen: Die Organismen essen, trinken und paaren sich um
des Essens, Trinkens und Sich-Paarens willen, nicht wegen der Konsequenzen für die Lebenserhaltung und
die Arterhaltung. In die Lebewesen sind stellvertretende "intrinsische" Werte eingepflanzt.
Wenn man sagen hört, Tiere würden ein Verhalten "um seiner selbst willen durchführen",
so denkt man zunächst nicht an Nahrungserwerb, Trinken und Sich-Paaren, sondern an das Spielen.
Spielende junge Katzen und Hunde verfolgen bei ihrem Tun kein ersichtliches Nahziel; wir kommen
hier gar nicht um die Aussage herum, der Sinn des Spielens liege für das Lebewesen - zumindest
im jeweiligen Augenblick - im Spielen selbst. Welchen Beitrag liefert das Spielen zum Überleben?
Die Antwort liegt nicht auf der Hand wie bei der Nahrungssuche und der Paarung. Man hat sogar
gemeint, das Spielen sei hinsichtlich der Arterhaltung ein reiner Luxus ohne jeden Selektionsvorteil.
Vermutlich liegt der biologische Sinn des Spielens im Sammeln von Erfahrungen, die späterhin dem
erwachsenen Tier dienlich sein können, sowie im Training der Sinne und des Bewegungsapparates.
Ob alle oder manche Tiere die Triebbefriedigung bewußt erleben, können sie uns nicht mitteilen.
Spätestens beim Menschen hat sich aber das Bewußtsein entwickelt, in dem die Antriebsbefriedigung
als Behagen, als Genießen und als "Sinnenlust" erlebt wird. Darin liegt - jedenfalls für den
jeweiligen augenblicklichen Bewußtseinszustand - ein Wert. Als Ergebnis der Evolution ist er
nicht wegzuleugnen. In welche Ebene des menschlichen Wertgefüges man das naturgegebene Wohlgefühl
der Antriebsbefriedigung einordnet - diese Frage ist allerdings in der Geistesgeschichtc der Menschheit
sehr unterschiedlich beantwortet worden: jedenfalls bei BERNHARD VON CLAIRVAUX relativ niedriger als bei
SIGMUND FREUD.
Schmerz und Angst
Folgt aus unserer Kenntnis des Evolutionsgeschehens der Schluß, die Evolution bewegte sich
mit der Höherentwicklung der Tiere in die Richtung auf eine Vermehrung von lustvoller Befriedigung
und deren Intensivierung? Wieder werden wir enttäuscht: Mit mindestens der gleichen Freigebigkeit
wurden Angst und Schmerz an die unschuldigen Tiere ausgeteilt: Auch Angst und Schmerz ließen
sich nämlich in manchen Bereichen für die Erhaltung der Individuen und der Art dienstbar machen.
In der Evolution wurde zwar der Wert der Lust verwirklicht, zugleich läßt sich aber kein
Hauch von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit hinsichtlich der Vermeidung von Angst und Schmerz erkennen.
Dazu tragen besonders die schon erwähnten Parasiten bei: Myriaden von Parasiten und Krankheitserregern
peinigen - selbst in aller Unschuld - die von ihnen befallenen Tiere.
Soziales Helfen
Zu den unangefochtenen Werten des menschlichen Zusammenlebens gehört das ethisch gute Verhalten
gegenüber solchen Mitmenschen, mit denen man durch Liebe, Freundschaft oder gemeinsame Zugehörigkeit
zu einer sozialen Gruppe verbunden ist. Was ethisch gutes Verhalten im einzelnen ist, läßt sich
nicht immer leicht kennzeichnen. Klarer ist das alternative Prinzip: Ethisch schlecht ist ein für
allemal der Eigennutz zum Schaden des Liebespartners, des Freundes oder des Gruppenkameraden.
Entsprechend wird ethisch gutes Verhalten - in erster Näherung - auch als um so wertvoller angesehen,
je mehr Selbstlosigkeit und je weniger Eigennutz dabei im Spiel sind. Das Attribut "völlig selbstlos"
verleiht einer Handlung durch die ihm in der Umgangssprache anhaftende Konnotation einen sozialethisch
eminent hohen Rang.
Dies gilt unbeschadet des immer wieder erhobenen Einspruchs, selbstlose Wohltäter freuten sich in der Regel
ihres Tuns oder erwarteten dafür späteren himmlischen Lohn; sie seien daher auch nichts anderes als Egoisten,
wollten es nur nicht zugeben. Aus diesem Gedanken wird dann gefolgert, eigentlich gebe es nur Egoismus,
und daher dürfe dieser auch nicht mehre als moralisch verwerflich gelten.
Angesichts dieser selbst für den Menschen unausgetragenen Problematik tat KONRAD LORENZ (1950) gut daran,
für vergleichbare Verhaltensweisen von Tieren den Ausdruck "moralanaloges Verhalten" zu prägen.
Dieses Wort bezieht sich allein auf den Verhaltensablauf und enthält keine subjektive Deutung und
keinerlei Wertung: Moralanaloges Verhalten von Tieren entspricht formal bestimmten moralischen Normen
des Menschen; etwaige sozialethische Inhalte werden nicht angesprochen. Hiermit ist der Horizont frei
für die Besprechung sozial hilfreichen Tierverhaltens unter dem Gesichtspunkt "Evolution und Werte".
Die Frage lautet hier: Welche sozialen Verhaltensweisen von Tieren erfüllen den Anspruch,
umgangssprachlich als moralisch wertvoll gelten zu können?
Wer eine freilebende Amsel im Frühjahr mit Mehlwürmern füttert, kann eines Tages erleben:
Sie verzehrt die angebotene Nahrung nicht mehr selbst wie bisher, sondern sie sammelt fünf
bis sechs Larven, nimmt sie quer in den Schnabel und fliegt ab; sie wird mit der mitgebrachten
Beute ihre Jungen füttern. Man hat bei diesem Geschehen unmittelbar vor Augen, wie ein sozial
hilfreiches Verhalten neu entsteht: Die Elterntiere nehmen von nun an erhebliche Mühe auf sich,
nicht um selbst zu fressen, sondern um andere Lebewesen, ihre Kinder, zu ernähren.
Jahrhundertelang verwendete man für die Todfeindschaft zwischen Menschen die Formel "homo homini lupus",
der Mensch sei des Menschen Wolf. Daher war die Überraschung groß, als man entdeckte - und es dann
zunächst sogar als Gesetz fast ohne Ausnahme ansah: Wehrhafte Tiere derselben Art kämpfen zwar
gegeneinander um Wohnplätze (Reviere), um Beute oder vor allem um den Zugang zu Geschlechtspartnern;
wenn aber einer der Kämpen besiegt ist, nutzt der Sieger seine gewonnene Überlegenheit in der Regel
nicht aus: Er verletzt ihn nicht, auch wenn er dazu in der Lage wäre, sondern läßt ihn ziehen.
Vielfach wird der Sieger dazu durch besondere Gesten des Unterlegenen veranlaßt ("Demutsgebärden").
Einen Unterlegenen nach siegreichem Kampf zu schonen, entspricht formal dem moralischen Wert des
Großmuts. Diese Beobachtung war einer der ersten Anlässe, um den Begriff des "moralanalogen Verhaltens"
zu prägen.
Seit jeher fasziniert den Beobachter das soziale Geschehen im Termiten-, Ameisen- und Bienenstaat:
Das hungrige Tier wird aus dem Kropf der Stockgenossen gesättigt; der Soldat und die Wächterbiene
verteidigen ihr Staatswesen unter Aufopferung des eigenen Lebens; die Arbeiter pflanzen sich selbst
nicht fort, sondern ziehen in gemeinsamer Arbeit die Larven auf, die aus den von der Königin
gelegten Eiern schlüpfen; und aus dem in der Schwarmtraube gesammelten Bienenvolk sondern sich
mehrere Dutzend Bienen ab, suchen für den Schwarm eine neue Höhlenwohnung, einigen sich
durch eine hochentwickelte Tanzzeremonie auf die günstigste der gefundenen möglichen Unterkünfte
und führen dann das ganze Volk im Fluge dorthin. Das gesamte Verhalten jeder einzelnen Tiere
entspricht ganz und gar der Norm des uneigennützigen Dienens für das Staatswesen und damit für
alle anderen Angehörigen des Volkes (v. FRISCH 1977).
Auf den ersten Blick scheint das beschriebene uneigennützige Verhalten - dabei besonders der Verzicht
auf eigene Fortpflanzung bei den Arbeitern (Arbeiterinnen) der sozialen Insekten - einer Regel des
Evolutionsgeschehens zu widersprechen: Es findet kein Konkurrenzkampf zwischen den Individuen statt,
in dem der Lebens- und Fortpflanzungstauglichste überlebt. Im Gegenteil: Hier haben sich in den
Arbeitern sogar fortpflanzungsuntüchtige Individuen herausgebildet. Wie konnte das im Rahmen eines
Evolutionsprozesses möglich sein, in dem die eigene Lebens- und Fortpflanzungstüchtigkeit jedes
Individuums den Ausschlag für Überleben oder Auslöschung gibt?
Eine tiefere Einsicht in die mathematischen Prinzipien der Selektion offenbart aber: Uneigennütziges
Verhalten ist in der Evolution gegenüber der bloßen individuellen Selbsterhaltung konkurrenzfähig,
ja, unter Umständen überlegen, sofern es jeweils Verwandte (= Träger zum Teil gleicher Erbanlagen) sind,
die einander fördern und unterstützen. Unter diesen Umständen tut das Individuum gewissermaßen auch
etwas für die Erhaltung und Verbreitung seiner eigenen Gene, wenn es andere Artgenossen unterstützt;
diese müssen jedoch seine leiblichen Nachkommen, Geschwister oder Eltern sein (HAMILTON 1964;
leicht verständliche Einführung REYER 1982).
Es ist das Verdienst einer besonderen Forschungsrichtung, der Soziobiologie, diesen Selektionsvorteil
des sozialen Helfens gefunden und uns damit verstehen gelehrt zu haben, wie es in der Evolution bei
voller Gültigkeit des Selektionsprinzips zur Ausbildung der Jungenpflege, der Schonung des im Kampf
unterlegenen Gruppengenossen und zur Entwicklung der Insekten-Sozialstaaten hat kommen können.
Allerdings wollten einige der bedeutendsten Vertreter der Soziobiologie, z. B. DAWKINS (1976)
sowie WICKLER und SEIBT (1977), in der Verwandten-Unterstützung kein uneigennütziges Verhalten
sehen - eben weil das Individuum in Verwandten auch Träger eigener Erbanlagen und damit die
Erhaltung und Ausbreitung dieser Erbanlagen fördert; also sei alles soziale Verhalten von den
ihm zugrundeliegenden "egoistischen Genen" bestimmt.
Die Anwendung des Begriffs "egoistisch" auf Gene, damit also auf Gegebenheiten vom Charakter (bio)chemischer
Moleküle, ist allerdings lediglich allegorisch aufzufassen; denn ein Messen des eigenen Handelns an
bewußt gewordenen moralischen Kategorien - erst dies würde das Anwenden des Begriffs "egoistisch"
rechtfertigen - ist hier nicht denkbar. Ein Ernstnehmen des Konzepts der "egoistischen Gene" verstieße
damit auch gegen das Prinzip der "Niveauadäquaten Terminologie" (v. HOLST 1960):
Zu jeder Seinsebene (Integrationsebene, Systemebene) und zu den dort charakteristischen Gegebenheiten
gehören Begriffe, die gerade die wesentlichen Eigenschaften dieser Ebene und dieser Gegebenheiten
erfassen und kennzeichnen: die niveauadäquaten Begriffe. Für sie fehlen auf anderen Seinsebenen
die Voraussetzungen, um sie dort in ihrem eigentlichen (Kern-)Wortsinn anzuwenden.
Tut man es trotzdem, so verfälscht man die Zusammenhänge, die man ausdrücken möchte. Hinsichtlich
des hier besprochenen Gegenstandes muß daher folgende Formulierung als korrekt gelten: Die
Verwandten-Unterstützung (als genetisch bedingte Verhaltensrichtung) lieferte die Grundlage dafür,
daß sich auf der Ebene des Verhaltens der Individuen uneigennütziges soziales Helfen entwickeln konnte.
Sozial schädigendes Verhalten, Sozialparasitismus
Die soziobiologischen Populationsgenetiker haben auch nachgewiesen: Die Evolution hat mit dem neuen Wert
der sozialen, mitunter opfervollen Kooperation auch die Gegenimpulse ermöglicht, ja, hervorgerufen:
Je perfekter ein kooperatives Sozialsystem, desto mehr züchtet es auch den Sozialparasiten. Es
ermöglicht aus funktionellen Gründen seine eigene Ausbeutung; es ruft Egoismus geradezu selbst auf
den Plan und fördert ihn so lange, bis ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen Uneigennützigkeit und
sozialschädigendem Eigennutz erreicht ist (MAYNARD-SMITH und PRICE 1973; siehe auch REYER 1982).
So ist jeder Ameisenstaat voll von Sozialparasiten aus den verschiedensten Insekten, Spinnen und
sonstigen Verwandtschaftsgruppen. Die Ameisen können ihre Plagegeister nicht loswerden; sie
müßten denn ihr soziales Grundprinzip aufgeben.
Damit sind wir zum fünften Mal auf die Werte-Ambivalenz in der Evolution gestoßen: Sie trat
auf den Wertebenen des Überlebens, der Höherentwicklung, der ästhetischen Werte, der
Antriebsbefriedigung und der sozialen Kooperation in verschiedener Form auf und ist doch etwas
Gleiches in verschiedenen Gewändern. Wenn wir nach Äquivalenten menschlicher Wertmaßstäbe
in der Evolution fragten, so fanden wir jedesmal - wenn wir keinen Teil der Wirklichkeit ausblenden
wollten - das Erreichen neuer Wertebenen zugleich mit den ebenso natürlichen, ebenso realen
zerstörerischen Gegenimpulsen. Das heißt aber zugleich: Aus der Evolution ist kein
Normensystem für den Menschen abzulesen. Es bliebe beliebig, ob man sich jeweils nach dem Wert
oder nach dem ebenso "natürlichen" Prinzip der Werte-Zerstörung richten wollte.
Verhalten nach dem Maßstab von Gut und Böse
Der jüngste uns durch erdgeschichtliche Urkunden bekannt gewordene große Schritt der Evolution
war die Entstehung des Menschen. Hierbei dürften auch die Prinzipien der Verhaltenssteuerung entstanden
sein, in denen sich der heutige Mensch von allen Tieren unterscheidet.
Maßgebend für diesen Unterschied ist die, wenn auch begrenzte, Fähigkeit des Menschen, sein
Verhalten nach dem (ethischen) Maßstab von Gut und Böse auszurichten. Hierzu verfügt er über
bestimmte Voraussetzungen:
Zwar leistet unser Vorstellungs- und Denkapparat nicht alles Beliebige, was wir von ihm wünschen möchten:
Er behält nicht alles, was wir gerne im Gedächtnis besäßen, und ist oft nicht umsichtig genug,
nach allen Informationen zu fahnden, die wir zur Lösung von Problemen brauchen könnten. Aber trotz
seiner Begrenztheit leistet der menschliche Vorstellungs- und Denkapparat, der sich im Evolutionsschritt
der Menschwerdung gebildet hat, etwas ganz Besonderes: Er bildet ein Vorstellungsbild von uns selbst.
Dies wiederum ist die funktionelle Voraussetzung für die Fähigkeit, sich mögliches eigenes, zukünftiges
Verhalten vor sein geistiges Auge zu führen und es mit Normen oder Wertvorstellungen in Beziehung zu setzen,
so daß sich aus dieser "Datenverarbeitung" eine Entscheidung herausschält und das Verhalten
steuern kann.
Diese Art der Verhaltenssteuerung kann so zuverlässig ablaufen, daß man einen Mitmenschen, der
nach diesem Prinzip handelt, in seinem Verhalten durchschauen und ihm daraufhin voll vertrauen kann.
Konnte ein gedanklicher Verhaltensentwurf die Probe auf die Übereinstimmung mit den zur Richtschnur
genommenen moralischen Grundsätzen nicht bestehen und wurde verworfen, so ist ein neuer Plan zu fassen.
Hierfür verfügt der Mensch über zwei Voraussetzungen: Phantasie und Voraussicht. Der Phantasie
steht ein gewisser, wenn auch nicht unbegrenzter Freiraum für das Entwerfen neuer Verhaltensmöglichkeiten
zu Gebote; Möglichkeiten der Voraussicht beziehen sich auf die - ebenfalls begrenzte - gedankliche Fähigkeit,
Gegenwartsprozesse in Kombination mit neuen, in der Vorstellung vorausgesetzten Bedingungen in die Zukunft hinein
zu extrapolieren und daraus rückwirkend handlungsbestimmende Momente für die Gegenwart herzuleiten.
Diese beiden Fähigkeiten bringen den Menschen im Unterschied zu allen Tieren in die Lage, nicht nur gegenwartsbezogene
Motive zum Kriterium für ethisch gutes oder schlechtes Handeln zu verwerten, sondern auch etwa zu erwartende
künftige Konsequenzen in die Bewertung und in die Planung einzubeziehen.
Auf dieser (Integrations)Ebene ist erstmals etwas möglich, was auf keiner der zuvor besprochenen Evolutionsebenen
Wirklichkeit sein konnte: konsequent nach Normen und Werten zu entscheiden und gegebenenfalls auch zu handeln.
Auf allen anderen Evolutionsebenen zog das Erreichen eines neuen Wertniveaus, wie beschrieben, automatisch auch
ein neues zerstörerisches Gegenprinzip nach sich. Auf der Ebene der bewußten Entscheidung nach moralischen
Normen aber ist dies, sofern das Moralsystem in sich ohne Widerspruch ist, nicht notwendig. Der Mensch hat somit
durch seine geistigen Fähigkeiten eine einzigartige Stellung erreicht.
Eines ist aber dem Menschen ganz und gar nicht vergönnt: die Sicherheit, daß nicht Vorgänge aus
anderen Seinsschichten auf sein Verhalten und damit auf die Möglichkeit, ethisch gut zu handeln, Einfluß
nehmen, solches Handeln stören oder gar unmöglich machen. Die Gefahren sind vielfältig: Der Tod, aber auch
Alter und Krankheiten können harte Grenzen setzen. Auch in der menschlichen Natur liegen nicht nur Triebfedern
für die Erfüllung ethischer Normen, sondern auch einflußreiche Anlagen zu eigennützigem Verhalten.
Besonders Angst (einschließlich Mißtrauen), Demütigungen und äußeres Elend können Menschen
zu Verhaltensweisen bringen, in denen sie nicht mehr Gottes Ebenbild sind.
Auch bestimmte soziale Situationen mobilisieren inhumane Anteile der menschlichen Natur, gegen die dann kein Kraut
gewachsen ist - vor allem Gruppenhaß und enthemmte Grausamkeit im Falle von nationalen Kriegen oder von
Bürgerkrieg (DOLLINGER 1973). Doch ist der Mensch immerhin - zumindest im Prinzip - in der Lage, solche menschlichen
Naturanlagen zu erkennen und sie bei der Zukunftsplanung in Rechnung zu stellen.
Diese "Wissenschaft und Kunst" steckt allerdings noch in den allerersten Kinderschuhen.
Schlußgedanken
Sechs Ebenen lassen sich mit Begriffen kennzeichnen, die unsere Umgangssprache wertend gebraucht:
- Leben und Überleben
- Höherentwicklung
- Vielfalt und Schönheit
- Antriebsbefriedigung und Lust
- Soziales Helfen und moralanaloges Verhalten sowie das
- Handeln nach bewußten Wertmaßstäben.
Als Hauptergebnis der Erörterung schälte sich heraus: Auf jeder in der Evolution
erreichten Ebene waren als Ausdruck unerbittlicher Naturgesetze neben den verwirklichten
Werten auch Gegen-Werte oder Werte-Zerstörung etabliert. Darum ist die Natur für den
Menschen keine Quelle für unmittelbar abzulesende Werte. Die Evolution spielte sich,
wissenschaftstheoretisch gesehen, jenseits von Gut und Böse ab. Sofern man sie jedoch,
wie in diesem Aufsatz geschehen, mit menschlichen Werturteilen in Beziehung setzt,
war sie sowohl gut wie böse, beides in kolossalem Maßstab. Darum liegt es allein
in der Möglichkeit des Menschen, Wert-Normen zu setzen. Auf dieser Ebene ist der Mensch
von Natur aus offen für Botschaften, woher sie auch kommen mögen. An der inhaltlichen
Frage nach den geistigen, gegebenenfalls religiösen Bezugspunkten für sittliche Normen
endet freilich die Kompetenz der Naturwissenschaften.
Literatur
BAER, J.G.: Ecology of Animals Parasites.
The University of Illinois Press, Urbana. 1952
DAWKINS, R.: Das egoistische Gen.
Springer, Berlin/Heidelberg/New York. 1978
Originalausgabe 1976: The Selfish Gene. Oxford
DOLLINGER, H.: Schwarzbuch der Weltgeschichte.
Pawlak, Herrsching. 1973
v. FRISCH, K.: Aus dem Leben der Bienen.
Springer, Berlin/Heidelberg/New York. 91977
HAMILTON, W.D.: The genetical evolution of social behavior.
Journal of Theoretical Biology 7, 1-52. 1964
HARTMANN, N.: Ethik.
De Gruyter, Berlin. 51949
v. HOLST, E. u. v. SAINT PAUL, U.: Vom Wirkungsgefüge der Triebe.
Naturwissenschaft 47, 409-422. 1960
Neudruck in:
E. v. Holst, Zur Verhaltensphysiologie bei Tieren und Menschen,
Bd. 1. Piper, München. 1969
LORENZ, K.: Ganzheit und Teil in der tierischen und menschlichen Gemeinschaft.
(=Studium Generale Bd. 3), 455-499. 101950
Neudruck in:
K. Lorenz: Über tierisches und menschliches Verhalten.
Gesammelte Abhandlungen, Bd. II. Piper, München. 1973
MAYNARD-SMITH, J. u. PRICE, G.R.: The logic of animal conflicts.
Nature 246, 15-18. 1973
REYER, H.U.: Soziale Strategien und ihre Evolution.
Naturwissenschaftliche Rundschau 35, 6-17. 1982
RIEDL, R.: Probleme und Methoden der Erforschung des lithoralen Benthos.
Verhandlungen der Deutschen Zoologischen Gesellschaft. 26, 505-567. 1962
RIETSCHEL, G.: Histologische Reakionen des Wirts auf den Befall
durch die Dasselfliege Oestromyia leporina Pall. (Diptera, Hypodermatidae)
Zeitschrift für Parasitenkunde 60, 277-289. 1979
TODT, D.: Biologisch-kybernetische Analyse der Komposition des
Gesanges verschiedener Vögel.
In: B. Lueken & J.H. Scharf (Hrsg.),
Neue Ergebnisse zur Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung
in Sinnesorganen.
Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle/Saale. 1970
VARESCHI, E.: The ecology of Lake Nakuru (Kenya).
Oecologia 32, 11-35. 1978
WICKLER, W. u. SEIBT, U.: Das Prinzip Eigennutz.
Hoffmann & Campe, Hamburg. 1977
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