Öffentliche Vorlesung zum Thema Frieden am 15. November 1985 an der Universität Freiburg.

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Das Freund-Feind-Denken als psychologisches Mittel der Kriegsvorbereitung

Bernhard Hassenstein

Das Freund-Feind-Denken, das Erzeugen von Feindbildern, das gedankliche Trennen der Menschen in Freunde und Feinde, ist ein geistiger Vorläufer und ein Wegbereiter des Unfriedens, der Gewalttat und des Krieges. In dieser öffentlichen Vorlesung will ich deutlich machen, auf welche Weise und wie nachhaltig das Freund-Feind-Denken den inneren Widerstand des Menschen gegen den Unfrieden und gegen den Krieg untergräbt. Und ich will fragen: Was kann der Einzelne tun, wenn er, soweit es in seiner Macht steht, für die Erhaltung des Friedens wirken will?

Ich beginne mit einem deutschen Gedicht, das dem Thema des Krieges gewidmet ist. Es ist mitten im 30jährigen Krieg entstanden, nachdem dieser schon 18 Jahre Europa heimgesucht hatte. Das Gedicht zeigt den Krieg, wie er wirklich ist. Ein zweites Gedicht soll später im Kontrast dazu das kriegstreibende Freund-Feind-Denken dokumentieren. — Das erste Gedicht ist ein Sonett, geschrieben von dem deutschen Barockdichter Andreas Gryphius, in einer für uns Heutige altertümlich klingenden Sprache, mit einigen leichten Abweichungen der Wortbedeutung von der heutigen, z. B. dem Wort "Glut" für "Feuer".

Tränen des Vaterlandes

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun',
das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun'
hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret,
das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
die Jungfraun sind geschändt', und wo wir hin nur schaun,
ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr', als unsrer Ströme Flut
von soviel Leichen schwer, sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig' ich noch von dem, was ärger als der Tod,
was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot:
Daß man der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

Die letzten Zeilen beziehen sich auf den Konfessionswechsel, der vielen aufgezwungen wurde. Die im Kontrast zur Kunstform des Sonetts fast unbeholfen klingende Sprache veranschaulicht die Verstörtheit und das Entsetzen der Menschen über das Grauen des Krieges, das aller Menschlichkeit und allem Göttlichen Hohn spricht. Bitte behalten Sie dieses Gedicht im Sinn, wenn ich in einigen Minuten Zeilen einer anderen Dichtung vortrage.

Ich spreche nun von einem zweiten schrecklichen Krieg, knapp 300 Jahre später, dem ersten Weltkrieg, aber von den ersten Tagen nach Kriegsausbruch, also Anfang August 1914.

Von diesen Tagen ist etwas überaus Merkwürdiges zu berichten: Das ganze Volk mit verschwindenden Ausnahmen war von einem Kriegsrausch sondergleichen erfaßt. Sie können unter den heute noch lebenden Menschen, die den Ausbruch des ersten Weltkriegs miterlebten, fragen, wen sie wollen, und in Lebenserinnerungen und veröffentlichten Briefen nach Zeugnissen suchen, sie finden überall Schilderungen wie die folgende eines 33jährigen: "Wir sind tage- und nächtelang durch einen Strom von Begeisterung, durch wundervoll tiefe, einfache, große Momente gefahren. Man hat uns als Vaterlandsverteidiger auf Händen getragen, man hat gebetet, gesungen, gejubelt und geweint, wo wir erschienen — das ist ein bis in seine letzte Tiefe aufgewühltes Volk, das von einer unbeschreiblichen, unbesiegbaren Kraft ist ..."

Ein Historiker schrieb dazu: •Jubel herrschte in Europa in den ersten Augusttagen des Jahres 1914, Jubel, Kriegswut und Kriegsfreude ... in Frankreich wohl etwas weniger als in Deutschland ... Selbst durch die Straßen von London wälzten sich ... die Volksmassen und schrien nach Krieg ... Die Völker Europas waren jahrelang von Politikern und Journalisten gegeneinander aufgehetzt worden ... Der Krieg würde kurz sein und schön ... Und Gott würde auf allen Seiten sein; und alle würden siegen." [1]

Dasselbe Geschehen, beobachtet und kommentiert von einem amerikanischen Studenten, der damals in Dresden weilte: "Der drohende Krieg ... macht die ganze Welt verrückt. Ich wurde sehr nachdenklich, als ich die Massen von jungen Leuten durch die Straßen paradieren und ... die ›Wacht am Rhein‹ singen hörte. Es wird den Staatsmännern eine schöne Entschuldigung für ihren eigenen Wahnsinn geben; denn nun können sie sagen, der Enthusiasmus der Massen hätte sie hineingetrieben."

Selbst der berühmte Soziologe Max Weber schrieb im August 1914 von "diesem großen und wunderbaren Krieg", und daß es herrlich sei, ihn noch zu erleben, aber sehr bitter, wegen seiner Jahre Zahl — er war nämlich 50 — nicht mehr an die Front zu dürfen.

Entsprechendes in burlesker Form ist zu lesen in den Erinnerungen eines Freiburgers: "... Zur Kriegserklärung habe ich noch in Erinnerung, wie ein Leutnant vor der Karlskaserne etwas vorlas und sich darob wildfremde Menschen vor Freude, daß es gegen den ›Erbfeind‹ losging, in den Armen lagen. Auch sehe ich noch deutlich, wie vor unserm Haus ein Nachbar, etwa 30 Jahre alt, mit einem Holzprügel durch die Straßen lief und martialisch rief: ›Sie sollen nur kommen!‹ ... Menschen standen vor den Kasernen mit Blumen für die ausziehenden Soldaten und ihre Kanonen ..."

Werner Heisenberg, damals ein Schuljunge von 13 Jahren, beobachtete beim Ausbruch des ersten Weltkriegs eine tiefgreifende Mentalitätsänderung aller Menschen: Jeder konnte mit jedem sprechen, als sei er seit jeher mit ihm vertraut. Obwohl Heisenberg zu der Zeit ja noch jung war, registrierte er dies mit starker Betroffenheit.

Die Sozialdemokraten hatten lange vor Kriegsausbruch auf internationalen Kongressen ihre Stimmen gegen Wettrüsten und Imperialismus erhoben; sie hatten mit ihren französischen Genossen verabredet, was sie im Kriegsfall gemeinsam gegen den Krieg zu tun hätten. Aber nach dem Kriegsausbruch brach die internationale Solidarität mit einem Schlag zusammen. Die Sozialdemokraten stimmten im Reichstag 1914 für die Bewilligung der Kredite für die Kriegsführung; 14 Abgeordnete, die an sich dagegen gewesen waren, fügten sich der Parteidisziplin. Kaiser Wilhelm II. hatte recht bekommen, als er nach dein Kriegsausbruch mit ungeheurem Wiederhall ausrief: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche."

Die damals hochgeachtete Schriftstellerin Gabriele Reuter schrieb in der Zeitung "Der Tag" über die Aufgabe der Frauen jetzt, über das Sterben ihrer Söhne im Kriege. Sie sprach von der Wollust des Opfers. Die Malerin Käthe Kollwitz, eine der wenigen, die sich vom Kriegsrausch freihalten konnte, schrieb dazu in ihrem Tagebuch, dieser Ausdruck — Wollust des Opfers — hätte sie sehr getroffen. "Wo nehmen alle die Frauen, die aufs sorgfältigste über das Leben ihrer Lieben gewacht haben, den Heroismus her, sie vor die Kanonen zu schicken? Ich fürchte, nach diesem Seelenaufschwung kommt eine desto schwärzere Verzweiflung und Verzagtheit nach." [2]

In der Mentalität des geschilderten Kriegsrausches kamen zum Ausdruck:

  • Feindschaft, Verteidigungs- und Angriffsbereitschaft

  • Begeisterte Waffenbrüderschaft

  • Gefühl der Einheit, Überwindung des Trennenden

  • Wegfall des differenzierenden Denkens, einheitliche Ausrichtung des Denkens und Fühlens auf den Krieg

  • überströmende Opferbereitschaft als Ausdruck des Aufgebens individueller Ziele.

Auch für diese Art, Krieg zu erleben, möchte ich Ihnen Verse eines deutschen Dichters vortragen, und zwar von Rainer Maria Rilke. Es ist kaum begreiflich, aber es ist wahr, daß selbst dieser feinsinnige und sensible Zauberer der Sprache als immerhin schon 39jähriger vorübergehend vom Kriegsrausch erfaßt wurde. Aus den rund 150 Zeilen der "Fünf Gesänge vom August 1914" habe ich einige ausgewählt, in denen die eben genannten Motive zwar in seiner Sprache als Hymnus formuliert, inhaltlich aber fast wie eine psychologische Diagnose anmuten. Bitte denken Sie, während ich diese Zeilen lese, zum Vergleich an das vorgetragene Gedicht "Tränen des Vaterlandes", und achten Sie dabei auch auf den Appell an die Mütter, in dem sie — wie von Gabriele Reuter — aufgefordert werden, ihre Söhne herzugeben, verbrämt mit der absurden Analogie, dies wäre eine Trennung wie schon bei der Geburt. Ich werde Rilkes Zeilen jetzt — mit innerem Widerstreben — so vortragen, daß Sie sich in Menschen einfühlen können, die sich von der Gewalt der Sprache und der ausgedrückten Bilder hinreißen lassen. Dabei werde ich kennzeichnende Motive herauszuheben versuchen, besonders das Aufkündigen des Denkens und Abwägens zugunsten des kämpferischen Enthusiasmus und das Aufgehen der Einzelpersönlichkeit in der Kampfesbruderschaft.

"Zum ersten Mal seh' ich dich aufstehn,
hörengesagter, fernster, unglaublicher Kriegs-Gott ...
......
...Mit langsam ermessendem Blick
umfangen die Knaben den Jüngling, der schon hineinreicht
in die gewagte Zukunft: Ihn, der noch eben
hundert Stimmen vernahm, unwissend, welche im Recht sei,
wie erleichtert ihn jetzt der einige Ruf......
......
Heil mir, daß ich Ergriffene sehe. Schon lange
war uns das Schauspiel nicht wahr......
......
...nun redet wie ein Seher die Zeit
blind, aus dein ältesten Geist.
Einmal schon, als ihr gebart, empfandet ihr Trennung, Mütter,
empfindet auch wieder das Glück, daß ihr die Gebenden seid.
... Segnet die Söhne hinaus!
... Und wir? Glühen in eines zusammen,
in ein neues Geschöpf ...
Andere sind wir, ins Gleiche geänderte:
Jedem sprang in die plötzlich
nicht mehr seinige Brust meteorisch ein Herz.
... ein eisernes Herz aus eisernem Weltall.
......
... Oh, und dann wirft sich die Fahne
über euch auf, im Wind, der vom Feind kommt.
......

Vergleicht man die überschwengliche Kriegsbegeisterung, mit der die Völker Europas den ersten Weltkrieg begannen, mit der Wirklichkeit der Kriege aller Zeiten, wie sie im Gedicht über den 30jährigen Krieg zum Ausdruck kam, so kann man an der Vernunft des Menschen verzweifeln. Die Menschen wußten doch aus hunderten von vergangenen Kriegen von Elend und Tod; ihnen konnte doch nicht die absurde und hundertfach wiedergekehrte Tatsache verborgen sein, daß die Militärpfarrer auf beiden Seiten unter Anrufen desselben Gottessohnes Jesus Christus die Waffen segneten, mit denen die Söhne christlicher Mütter verstümmelt und getötet werden sollten. Welche unheimliche dämonische Macht war da ausgebrochen, um so unterschiedliche Geister bis zur Nichtwiedererkennbarkeit zu entpersönlichen und in der Kampfesbegeisterung gleichzuschalten: Max Weber, den hochintelligenten, wissenschaftlich schöpferischen Gelehrten; Rilke, den sensiblen, feinsinnigen Dichter; selbst den sozialistischen Politiker Karl Liebknecht, der im Reichstag mit für die Kriegsanleihen stimmte [1]; den knüppelschwingenden Mann auf der Straße; ungezählte christliche Priester und Pastoren auf beiden Seiten; und Gabriele Reuter, die hochangesehene Schriftstellerin , die die Mütter zur Wollust des Verzichts auf ihre Söhne aufforderte?

Die Antwort lautet: Kein dämonischer Geist war ausgebrochen. Hier wirkte eine in der menschlichen Natur verankerte allgemeine Veranlagung des Menschen, eine in jedem Menschen schlummernde Beeinflußbarkeit durch aggressive Demagogie, die viel schlimmer und gefährlicher ist, als jemand meint, der mit ihr noch nie in Berührung gekommen ist, der aber der aufgeklärte und denkende Mensch widerstehen kann. Diese Veranlagung besteht primär darin, daß ein Mensch nicht nur kämpft, wenn er seine eigene Existenz verteidigt, sondern auch auf die Botschaft hin, daß die Gruppe, der er zugehört, bedroht und angegriffen wird.

Die Kampfesstimmung der Gruppenverteidigung gehört zu den stärksten Emotionen, die einen Menschen überhaupt ergreifen können. Systematisch gesehen, ist sie eine unter etwa 10 grundverschiedenen Varianten des in der menschlichen Natur verankerten aggressiven Verhaltens, die ich nachher noch nennen werde.

Die Sonderform der Gruppen-Aggression hat mehrere Eigenschaften, die sie von anderen Aggressionsformen unterscheidet:

  • Sie ist ansteckend von Mensch zu Mensch

  • Sie führt zu einem berauschenden Erlebnis der Kampfgemeinschaft

  • Sie kennt nur Freund oder Feind und nichts dazwischen

  • Sie ist durch die Ausrufung des Bedrohtseins der eigenen Gemeinschaft, ihrer Werte oder ihrer Ehre absichtlich auszulösen

  • Sie unterdrückt andere Bewußtseinsinhalte wie vernünftiges Denken und menschliches Mitgefühl

  • Sie ist ein natürlicher Wegbereiter der Gewalttat

  • Sie enthemmt gegenüber dem Gruppenfeind jede Grausamkeit.

An sich sind die Ansteckungswirkung, die Auslösbarkeit, die Tendenz zur Gewaltsamkeit, die Unterdrückung anderer Bewußtseinsinhalte und die Enthemmung der Grausamkeit ihrem Wesen nach ganz verschiedene Gegebenheiten; aber nach den Ergebnissen der Humanwissenschaften bilden sie eine Verhaltenseinheit, sie sind, um einen Ausdruck aus der Medizin zu verwenden, ein Syndrom.

Diese Koppelung macht das Freund-Feind-Denken, das Aufbauen von Feindbildern so gefährlich; denn man bringt das ganze beschriebene Syndrom der Gruppenverteidigung zur Herrschaft — einschließlich der geistigen Blindheit und der Grausamkeit —, auch wenn man nur an einem dieser Hebel ansetzt. Der menschliche Verstand und die Sprache sind bewundernswerte Errungenschaften, sie sind entscheidende Schritte für die Erhebung des Menschen über das Niveau des Tierreichs. Zugleich aber liefert nun die Ebene der Sprache, gleichsam als neue Eingangspforte, die Handhabe für das Auslösen des Verhaltenssyndroms der Gruppenverteidigung durch aggressive Demagogie. Die demagogische Aggression blockiert, hat sie einmal die Sperre zur Wirksamkeit durchbrochen, Vernunft und Humanität und stellt den Menschen unter das Kommando der biologischen Motivation der Gruppenverteidigung.

Als erschütterndes Ergebnis der Beeinflussung des Menschen durch das jahrelange Schüren des Freund-Feind-Denkens zeige ich dieses Foto (Abb. I): 1914 in einem Fotoatelier aufgenommen, zeigt es einen 16jährigen Jungen in der Pose, die man bei jung und alt damals in Mode gebracht hatte: kriegsbereit gegen den Erbfeind, durch jahrelange Einflüsse verführt nach den Regeln des Freund-Feind-Denkens, die ich eingangs geschildert habe. Wenige Monate nach dieser Aufnahme starb der Junge auf dem Schlachtfeld von Langemarck.

Abb. I

Gruppenkämpferisch fanatisiert ist der Mensch, wie die Geschichte, z. B. die der Religionskriege, zeigt, zu jeder Grausamkeit fähig. Ich verweise auf das "Schwarzbuch der Weltgeschichte" des Historikers Hans Dollinger [3]. Keine Bitte um Gnade, keine Unterwerfungsgeste eines Kindes, eines Kranken oder einer Greisin erreicht beim fanatischen Kämpfer die innere Instanz der Verhaltenssteuerung. Der Gruppenfeind gilt ihm nicht als Mitmensch, sondern als Teufelsanbeter oder als Untermensch, dessen Würde mit Füßen zu treten erlaubt, ja gefordert ist wie in den Dragonaden Ludwigs des Vierzehnten gegen die Hugenotten. Im Herbst 1985 zeigte das Fernsehen eine Filmaufnahme von Revolutionären, die unter den Augen vieler Zuschauer eine Frau mit Benzin übergossen und anzündeten, weil sie, wie es hieß, mit dem Feind kollaboriert hatte — ein schmerzliches Symbol der Unmenschlichkeit der gruppenbedingten Aggression.

Die Ansteckungswirkung der Gruppenfeindschaft offenbart sich in der Fanatisierbarkeit von Menschenmassen durch aggressive Redner. Die Kriegsreden von Hitler und Goebbels bedienten sich dazu immer wieder der klassischen Ausdrucksmittel: Ausrufen des Zustands des Bedrohtseins des Sozialverbandes, hier des Volkes, durch feindliche Mächte im Äußeren wie im Inneren; Kennzeichnen der Feinde mit Ausdrücken, die sie aus allem, was der eigenen Gemeinschaft eigen und heilig war, ausgrenzen sollten: Untermenschen, Verbrecher, Schädlinge und Verräter; persönliche Verunglimpfung der führenden Politiker der Feindstaaten. Ein kaum zu übertreffender Effekt ansteckender Gruppenaggression war der minutenlange frenetische Beifall im Berliner Sportpalast auf den Ausruf von Goebbels: Wollt ihr den totalen Krieg? Durch gekonnte Placierung fanatisierender Motive und entsprechendes Anheben der Stimme hatte er die Auslösung dieses Sturmes aggressiver Begeisterung raffiniert vorbereitet.

Der gruppenkämpferisch fanatisierte Mensch ist schrankenlos solidarisiert mit seinen vom gleichen Strom mitgerissenen Nachbarn. Ein Hochgefühl der Kampfesbruderschaft greift Platz. Machtbesessene Gewaltherrscher handhaben die gruppenaggressive Verführbarkeit des Menschen seit jeher: Läßt unter den Untertanen die Solidarität mit der Führung oder untereinander zu wünschen übrig, so schüren sie die Vorstellung vom Bedrohtsein durch innere oder äußere Feinde, oder zetteln sogar Kriege an. Die damit verbundene emotionale Umstellung bringt die Mitläufer mühelos hinter den militärischen Führer und formt sie wieder zu einem monolithischen Block. Bis in die Gegenwart hinein wurde, wenn es am überzeugenden Kriegsanlaß mangelte, dieser durch Falschmeldungen feindlicher Übergriffe betrügerisch herbeigeführt wie der 2. Weltkrieg und der Vietnamkrieg. Wer nur Solidarisierung erreichen will, aber keiner tatsächlichen Bedrohung von fremder Seite ausgesetzt ist, der verschafft sich Sündenböcke als Aggressionsziele.

Die vorhin besprochene Beziehung zwischen Gruppenaggression und Solidarisierung drückt sich auch in einer trivialen Reaktion aus, die jederzeit in Wahlversammlungen und parlamentarischen Debatten, auch im Rundfunk und am Fernsehschirm, zu beobachten ist: Was bei politischen Reden spontanen Beifall hervorruft, sind nur im Ausnahmefall sachliche Argumente oder Bekundungen von Menschlichkeit; Beifall erhebt sich vielmehr bevorzugt nach aggressiven Ausbrüchen, vor allem, wenn dabei die Stimme erhoben wird. Als besonders stimulierend erweisen sich herabsetzende Angriffe weniger auf Anschauungen politischer Gegner als auf deren Person. Mit dem Ausdruck "persönlich werden" verbindet sich auch sonst die Vorstellung des qualitativen Umschlags von einer gegnerischen Haltung oder Anschauung zu einer Feindschaft mit den Merkmalen: kein Gefühl der Gemeinsamkeit mehr, Ausgrenzung des Gegners aus der Gemeinschaft. Gerade die persönliche Diffamierung entfaltet, wie man beobachten kann, in der politischen Auseinandersetzung die heftigsten Bekundungen der Solidarisierung.

Diffamierende Aggression entfaltet durch ihre Solidarisierungswirkung eine politische Werbekraft. Diese Werbekraft kann, wenn es wie bei Wahlen um Massenwirkung geht, solchen Politikern, unabhängig von deren sonstiger Qualifikation, erhebliche Vorteile verschaffen, die sich des Mittels der persönlichen Verunglimpfung bedienen. Das Gewärtigen dieses Vorteils läßt alle vier Jahre den Versuch unserer politischen Parteien kläglich scheitern, sich auf einen fairen Bundestagswahlkampf ohne Diffamierungen zu einigen.

Der Funktionszusammenhang der Gruppenaggression verknüpft auf eigentümliche Weise zwei ursprünglich ganz wesensunähnliche Einzelfunktionen: Auf einen Angriff, der vom ranghohen Individiuum nach vorn gegen den Feind gerichtet ist, folgt die Gruppensolidarisierung, der kämpferisch gefärbte Schulterschluß zwischen Nachbarn, vom Individuum aus gesehen eine Aktivität nach der Seite, zum Mitkämpfer. Auch bei anderen Lebewesen sind durch Einzelwahrnehmungen ausgelöste und dann von Individuum zu Individuum überspringende Sozialreaktionen allenthalben verbreitet — vom Losstürmen einen Herde Gnus, nachdem ein Einzeltier erschreckt wurde, bis zum kollektiven Angriff von Pavianen auf einen Leoparden, der einen Gruppenangehörigen gefaßt hatte. An diesem letzten Beispiel wird auch der biologische Sinn der ansteckenden Aggression gegen den Gruppenfeind deutlich: Durch den kollektiven Angriff können sich die in Gruppen lebenden Tiere wirkungsvoller gegen Feinde wehren, als wenn jedes Tier nur sich selbst verteidigte [4].

Dem biologischen Wirkungszusammenhang der ansteckenden Gruppenaggression entspricht auf der dem Menschen gegebenen sprachlichen Symbolebene detailgetreu die Werbewirksamkeit der diffamierenden verbalen Aggression, der aggressiven Demagogie. Dabei sind die Inhalte in jedem Einzelfall andere, historisch und kulturell bedingt, die emotionale Wirksamkeit — beispielsweise daß gerade die persönliche Verunglimpfung des Feindes und seine Ausgrenzung aus den Idealen des eigenen Sozialverbandes besonders erregend und solidarisierend wirken — ist nach der hier vorgetragenen Auffassung in der Natur des Menschen verankert.

Widerspricht die hier angewandte Denkweise nicht dem Selbstverständnis des entscheidungsfreien, geistig bestimmten Menschen? Müßten wir nicht an unserer Entscheidungsfreiheit verzweifeln, wenn in für unsere Menschenwürde konstitutiven Bereichen biologische Triebfedern verhaltenssteuernd sein könnten?

Die Antwort lautet: Es ist ein wissenschaftliches .Mißverständnis zu meinen, wo biologisch begründete Triebfedern im Menschen wirksam sind, sei sein Verhalten auf vorgeschriebene Bahnen instinktiver Determination festgelegt. An der falschen Vorstellung "biologisch bedingt heißt festgelegt" ist die frühe vergleichende Verhaltensforschung mitschuldig: Man hatte seinerzeit aufgrund bestimmter Tierbeobachtungen instinktives Verhalten für prinzipiell unbeeinflußbar durch Lernen und Intelligenz gehalten. In Wirklichkeit hängt die Frage, ob ein Mensch auf einen Verhaltensimpuls festgelegt ist, nicht von dessen Herkunft aus dem Natur- oder Kulturbereich, sondern allein von seiner Stärke ab. Schon die Fähigkeit des Menschen zum Hungerstreik um politischer oder humaner Ziele willen beweist ja, daß sich Triebfedern aus seinem geistigen Bereich gegen biologisch bedingte Impulse durchsetzen können.

Die Erkenntnis, ein bisher als kulturbedingt angesehener Verhaltensimpuls des Menschen sei in Wirklichkeit in seiner Natur verankert, ändert also nichts an der menschlichen Wahlfreiheit, diesem Impuls zu folgen oder ihm zu widerstehen. In dieser Aussage liegt eine fundamental wichtige Korrektur bisheriger anthropologischer Thesen durch die neuere Verhaltensbiologie.

Das Aufspüren von menschlichen Handlungsimpulsen, die in der menschlichen Natur verankert sind, steckt den Menschen also nicht in die Zwangsjacke biologischer Determination. Im Gegenteil: Die Einsicht, wieweit bestimmte menschliche Verhaltenstendenzen durch Impulse aus der menschlichen Natur mitbedingt sind, verbessert unsere Fähigkeit, mit diesen Impulsen sinnvoll umzugehen, also die vernünftigen und humanen zu stärken und die Gesellschaft gegen die inneren Widersacher der Vernunft und Menschlichkeit weitestmöglich zu immunisieren [6].

Die Kenntnis der Gefährlichkeit und das Bewußtsein der Fahrlässigkeit und Verwerflichkeit der diffamierenden Aggression, weil sie Abgründe der menschlichen Natur aufbrechen läßt, ist heute noch kein Allgemeingut der Menschenkenntnis. Daraus ergibt sich die Möglichkeit des Einsatzes für den Frieden für jeden einzelnen in seinem Wirkungskreis, sei dieser klein oder umfassend: Das Wissen zu vermitteln und zu verbreiten, gerade auch bei jungen Menschen, daß man sich am Mitgerissenwerden durch aggressive Demagogie berauschen kann und daß ein aggressiver Redner darauf aus ist - und wenn man nicht aufpaßt, auch dazu fähig ist -, seinen Hörern die klare Besinnung zu rauben, sie gleichsam zu entmündigen und in eine verhängnisvolle radikale Richtung zu führen. Schon Schüler können sich die Fähigkeit aneignen, einem Gesprächspartner oder Redner und sei es ein Politiker - sofort ihr Mißfallen auszudrücken, falls er einen Meinungsgegner diffamiert: Wer seine Partner ernst nimmt, versucht nicht, sie durch diffamierende Angriffe gegen Dritte auf seine Seite zu ziehen, sondern allein durch sachliche Argumente. Zwar wendet man sich auch derzeit in der Öffentlichkeit dann und wann gegen persönliche und kollektive Diffamierung im politischen Leben. Aber man beklagt dann weiter nichts als "schlechten politischen Stil" und erweckt so den Eindruck, es handele sich nur um Ästhetik oder formales Wohlverhalten. Damit ist das Problem aber verharmlost und verkannt:

Wegen ihrer verhängnisvollen Macht, Verhaltensdispositionen aus Abgründen der menschlichen Natur aufzurühren, ist diffamierende Aggression an keiner Stelle zu verantworten. Wie überall, wo der Teufelskreis der eigengesetzlichen Steigerung von Gefahren droht, so liegt auch hier die einzige Chance darin, den Anfängen zu wehren, anstatt abzuwarten, bis eine Lawine ins Rollen gekommen ist, gegen die dann niemand mehr etwas ausrichtet.

Eine wichtige Erkenntnis der neueren Verhaltensforschung und biologischen Anthropologie lautet: Aggressives Verhalten ist vielursächlich. Gruppenverteidigung ist nur eine unter zahlreichen wesensverschiedenen Arten von aggressivem Verhalten: Hinzu kommen Selbst- und Jungenverteidigung, Aggression aus Angst bei verhinderter Flucht, Aggression durch Frustration, Revierverteidigung, geschlechtliche Rivalität, Rangstufenkampf, spielerische Aggression, und beim Menschen dazu noch nachgeahmte Aggression, Aggression auf Befehl aus Gehorsam und Aggression aus kalter Berechnung — all dies sind unterschiedlich verursachte und vielfach auch unterschiedlich ablaufende Aggressionsformen, und alle haben verschiedene biologische Bedeutung [5]. Beispielsweise springt nur die Aggressivität der Gruppenfeindschaft von einem Individuum zum anderen über und erfaßt den ganzen Sozialverband.

Dieser Vortrag befaßte sich bisher lediglich mit einer Form der menschlichen Aggression, dem Gruppenhaß, der aggressiven Demagogie als Mittel der Kriegsvorbereitung. In seinen meisten Formen hat der Angriffsgeist dagegen für den Menschen als unentbehrlich zu gelten. Ohne ihn gäbe es im geistigen und gesellschaftlichen Bereich kaum einen Fortschritt. Auch in der Wissenschaft sind neue gedankliche Konzepte oft nur mit offensiver Energie zur Geltung zu bringen. Für mich persönlich nimmt eine der Aggressionsformen sogar einen kaum zu übertreffenden Rang in der humanen Werteskala ein: die Zivilcourage, der Bürgermut, also die Bereitschaft, seine Überzeugungen als einzelner, ungeschützt, auch vor den Inhabern der Macht zu vertreten. Der Bürgermut ist in gewisser Hinsicht das Gegenteil der Gruppenaggression: Von kollektiver Feindseligkeit Mitgerissene können als Persönlichkeiten ängstlich und gehemmt sein und außerhalb ihrer Gruppe alles andere als Zivilcourage zeigen. Dies ist ein Hinweis auf die Wesensverschiedenheit unterschiedlicher Aggressionsformen.

Ferner gehören zur Persönlichkeitsbildung junger Menschen unbedingt Erfahrungen der kämpferischen Auseinandersetzung. Es ist für die Festigung der Selbstsicherheit nachteilig, wenn die zur Jugend gehörende Neigung, sich Gefahren und Konflikten auszusetzen, durch übermächtige Gegenkräfte unterdrückt wird. Junge Menschen brauchen das prägende Erlebnis, daß man sich durch das offensive Vertreten besserer Argumente durchsetzen kann, Nicht die Menschheit, ja noch nicht einmal die östlichen und westlichen hochzivilisierten Staaten haben bisher das Prägen von Feindbildern und die diffamierende demagogische verbale Aggression als Gefahr für die Humanität erkannt und als verwerflich erklärt. Aber der notwendige und hier allein menschenwürdige Prozeß der Aufklärung und Menschenbildung hat schon begonnen. Die ganz großen Revolutionäre Mahatma Ghandi und Martin Luther King haben, ohne Feindbilder zu schaffen, die Anschauungen und Handlungen der Gegner verurteilt, aber diese nicht als Untermenschen oder Erbfeinde diffamiert. Auch in unserem Land hat man für den Frieden zu werben und mit gewaltfreien, den jeweiligen Gegner nicht entwürdigenden und diffamierenden Mitteln zu wirken begonnen: mit Mahnwachen, Menschenketten, Schweigemärschen, gewaltfreien Demonstrationen und mit dem Training, auch bei größtem Zorn und heftigster Wut keine Gewalt auszuüben. Für mich, der ich die Form politischer Auseinandersetzungen etwa seit 1935 bewußt beobachte, liegt darin ein Fortschritt der Humanität, auf den ich noch vor wenigen Jahrzehnten nicht zu hoffen gewagt hätte. Das heißt nicht, daß man sich seinem Gegner ausliefert. Aber es heißt mitzubedenken, wie mein Verhalten auf den Gegner wirkt, und ob es ihn zu noch größerer Feindschaft provozieren könnte. Bedrohe ich ihn, dann wird er sich bedroht fühlen. Wage ich den ersten Schritt, wird er mich vielleicht nicht zurückweisen. Wer den Mut hat, diesen Weg zu gehen, fühlt sich heute noch und vielleicht noch für lange Zeit als David im Kampf gegen Goliath. Der Weg wird lang sein und Durchstehvermögen, Zähigkeit, Geduld und Widerstandsfähigkeit gegen die Verlockung zur diffamierenden demagogischen Aggression verlangen. Aber daß dieser Weg in Richtung auf den Frieden begonnen wurde, ist eine große Hoffnung.

Schrifttum (Auswahl)

[1] Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. (S. Fischer-Verlag) 1958, 1964 [2] Kollwitz, Käthe: Aus meinem Leben. München (Paul List Verlag) 1967 (Tagebuch-Eintragung vom 27. August 1914) [3] Dollinger, H.: Schwarzbuch der Weltgeschichte. 5000 Jahre der Mensch des Menschen Feind. Herrsching (Manfred Pawlak Verlagsgesellschaft) 1973 [4] Lorenz, Konrad: Das sogennante Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression. Wien (Dr. G. Borotha-Schoeler-Verlag) 1963 [5] Hassenstein, B.: Menschliche Aggressivität — insbesondere des Kindes und Jugendlichen — in der Sicht der Verhaltensbiologie. In: HILKE, R. und KEMPF, W.: Aggression. Bern, Stuttgart (Verlag Hans Huber) 1982 [6] Hassenstein, B.: Widersacher der Vernunft und der Humanität in der menschlichen Natur. Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1985, 72-89, 1986